Mysteriöser Fund

Runen-Stein in Kanada stellen Archäologen vor Rätsel

Ein umgestürzter Baum legt in Kanadas Wildnis 255 geheimnisvolle Runen frei. Forscher entziffern die Botschaft – doch das Rätsel bleibt.
22.10.2026, 18:12
Loading...
Angemeldet als Hier findest du deine letzten Kommentare
Alle Kommentare
Meine Kommentare
Sortieren nach:

Kommentare neu laden
Nach oben
Hör dir den Artikel an:
00:00 / 02:45
1X
BotTalk

Ein umgestürzter Baum, eine geheimnisvolle Felsplatte und 255 rätselhafte Zeichen: Tief in der kanadischen Wildnis machten Forscher eine außergewöhnliche Entdeckung. Versteckt im Wald nahe der Kleinstadt Wawa in der Provinz Ontario kamen Runen zum Vorschein, deren Herkunft zunächst niemand erklären konnte.

Jahrelang untersuchten Archäologen die ungewöhnliche Inschrift. Schließlich gelang einem schwedischen Experten die Entzifferung. Doch obwohl inzwischen bekannt ist, was auf dem Stein steht, bleiben entscheidende Fragen offen: Wer hat die Zeichen eingeritzt? Und warum ausgerechnet an diesem abgelegenen Ort?

"Heute" auf Google als bevorzugte Quelle festlegen

Umgestürzter Baum enthüllte Geheimnis

Der Fund geht auf das Jahr 2018 zurück. Ein Baum war in einem Waldgebiet unweit des Oberen Sees umgestürzt und hatte dabei einen bislang verborgenen Teil des felsigen Untergrunds freigelegt. Auf dem Gestein entdeckte man eine große rechteckige Inschrift. Die Zeichen waren tief in den Fels gehauen und wirkten auf den ersten Blick wie eine Botschaft aus längst vergangenen Zeiten.

Insgesamt fanden die Forscher 255 Runenzeichen, verteilt auf 15 Zeilen. Die Inschrift erstreckt sich über eine Fläche von ungefähr 1,70 Metern Höhe und 1,36 Metern Breite. Direkt daneben befindet sich eine weitere ungewöhnliche Gravur: die Darstellung eines Bootes, das an ein Wikingerschiff erinnert und etwa 16 Personen an Bord zeigt. Außerdem wurden zusätzliche Runenzeichen und 14 kreuzförmige Markierungen entdeckt.

Experte entziffert die geheimnisvollen Zeichen

Die Bilder des Fundes erreichten den kanadischen Archäologen Ryan Primrose, der beim Ontario Centre for Archaeological Research and Education (OCARE) tätig ist. Er erkannte, dass es sich möglicherweise um nordische Runen handelte. Um voreilige Schlüsse zu vermeiden, zog er einen Spezialisten hinzu: Henrik Williams, einen renommierten Runenforscher der Universität Uppsala in Schweden.

Im Oktober 2019 reiste Williams persönlich nach Kanada, um die Gravuren zu untersuchen. Die Arbeit war alles andere als bequem. Rund drei Stunden lang saß der Wissenschafter unter einer Plane, leuchtete die verwitterten Zeichen mit einer Taschenlampe aus und versuchte, die einzelnen Buchstaben zu identifizieren. Schließlich gelang der Durchbruch.

Auf dem Stein steht das Vaterunser

Das vermeintlich geheimnisvolle Schriftstück entpuppte sich als christliches Gebet: Die 255 Runen ergeben eine schwedische Fassung des Vaterunsers. Williams konnte die Inschrift auf eine historische Vorlage zurückführen. Der schwedische Gelehrte Johannes Bureus hatte bereits 1611 eine Fassung des Gebets in Runenschrift veröffentlicht.

Diese wurde später mehrfach nachgedruckt und verbreitet. Die kanadische Inschrift orientiert sich an dieser Tradition. Damit stand fest: Die Zeichen waren tatsächlich Runen. Doch der Text selbst stammte nicht aus der Wikingerzeit.

Waren hier wirklich Wikinger?

Die Entdeckung hätte leicht zu Spekulationen über eine bislang unbekannte Wikingersiedlung führen können. Schließlich erreichten nordische Seefahrer schon Jahrhunderte vor Kolumbus Teile Nordamerikas. Doch genau diese Erklärung halten die Forscher im Fall von Wawa für unwahrscheinlich.

Die verwendete Schreibweise entspricht nicht den Konventionen der Wikingerzeit. Vielmehr handelt es sich um einen schwedischen Text, der frühestens nach der Veröffentlichung seiner Vorlage im Jahr 1611 entstanden sein kann.

Williams vermutet aufgrund seiner Untersuchung, dass die Inschrift wahrscheinlich aus dem 19. Jahrhundert stammt. Eine genaue Datierung ist jedoch bislang nicht gelungen. Auch eine spätere Entstehung kann nicht ausgeschlossen werden.

Waren schwedische Händler die Urheber?

Eine mögliche Erklärung führt zur Hudson's Bay Company, die über lange Zeit zahlreiche Handelsposten in Nordamerika betrieb. Historische Unterlagen zeigen, dass das Unternehmen im 19. Jahrhundert auch schwedische Arbeiter beschäftigte. Einer seiner Handelsposten lag bei Michipicoten, nicht weit vom Fundort entfernt.

Könnte ein schwedischer Mitarbeiter das Vaterunser in den Fels gemeißelt haben? Für Primrose und seine Kollegen ist das eine plausible Theorie. Ein direkter Nachweis fehlt allerdings.

Die Gravuren sind ungewöhnlich tief. Nach Einschätzung der Forscher muss ihre Anfertigung erheblichen Aufwand bedeutet haben. Vermutlich arbeitete jemand über mehrere Tage, möglicherweise sogar Wochen daran.

Warum ein Mensch so viel Mühe in ein Gebet mitten im Wald investierte, bleibt ungeklärt.

Gebetsstätte mitten in der Wildnis?

Die Wissenschafter diskutieren mehrere Möglichkeiten. Vielleicht diente der Ort einst als religiöser Treffpunkt für schwedische Arbeiter. Denkbar wäre aber auch, dass ein einzelner Mensch die Gravur aus persönlicher Frömmigkeit anfertigte.

Auffällig ist, dass die Felsoberfläche vor ihrer Entdeckung unter mehreren Zentimetern Erde verborgen lag. Ob die Inschrift bewusst zugeschüttet wurde oder im Laufe der Zeit auf natürliche Weise verschwand, lässt sich bisher nicht sicher feststellen. Weitere Gegenstände, die Aufschluss über die Nutzung des Ortes geben könnten, wurden in unmittelbarer Nähe nicht gefunden.

Außergewöhnlicher Fund für Nordamerika

Die Forschungsergebnisse machen den Fund auch ohne Verbindung zu den Wikingern bemerkenswert. Laut dem Forschungsbericht von OCARE handelt es sich bei der Wawa-Inschrift um die längste dokumentierte Runeninschrift auf dem nordamerikanischen Kontinent. Zudem gilt sie als weltweit einzigartiges bekanntes Beispiel eines vollständig in Stein geritzten Vaterunsers in Runenschrift.

Die Archäologen möchten die Felsgravur deshalb dauerhaft schützen. Gemeinsam mit dem Grundstückseigentümer wurden Möglichkeiten geprüft, den Ort zu sichern und künftig öffentlich zugänglich zu machen.

Eine Schutzkonstruktion soll verhindern, dass Witterung und weitere Verwitterung die historischen Zeichen zerstören.

Das größte Rätsel ist noch ungelöst

Die Entzifferung hat eine zentrale Frage beantwortet: Der unbekannte Verfasser hinterließ kein geheimes Wikingerwissen, sondern ein christliches Gebet.

Trotzdem ist die Geschichte keineswegs abgeschlossen. Die Identität des Urhebers, der genaue Zeitpunkt der Entstehung und der Zweck der aufwendigen Gravur bleiben im Dunkeln.

Gerade das macht den Fund so außergewöhnlich: Die Forscher können die Botschaft lesen – aber noch immer nicht erklären, weshalb jemand sie mitten in Kanadas Wildnis in einen Felsen meißelte.

red, 22.10.2026, 18:12