Bei der Lebenshilfe Leibnitz herrscht Unruhe. Geschäftsführerin Ulrike Ablasser sieht sich mit einer Reihe schwerer Vorwürfe konfrontiert, die in einem anonymen Schreiben erhoben werden. Dieses soll auch an das Bezirksgericht Leibnitz gegangen sein – das berichtet die "Kleine Zeitung".
Die Vorwürfe betreffen unter anderem Ablassers Bezahlung sowie ihren Umgang mit Vorfällen rund um einen engen Angehörigen, der in einer Einrichtung der Lebenshilfe Leibnitz lebt.
Ablasser weist die Anschuldigungen zurück. Gleichzeitig gibt es Konsequenzen auf Verbandsebene: Ihre Funktion im Präsidium der Lebenshilfe Steiermark ist ruhendgestellt. Aus dem Vorstand der Lebenshilfe Österreich hat sie sich zurückgezogen. Die Lebenshilfe Leibnitz, die als eigenständiger Verein organisiert ist, ist zudem aus dem steirischen Dachverband ausgetreten, heißt es in dem Bericht.
In dem anonymen Schreiben – es liegt der "Kleinen Zeitung" vor – werden für Ablassers Bruttogehalt Beträge zwischen 16.000 und 18.000 Euro genannt - und das 14 Mal jährlich. Bestätigt sind diese Zahlen nicht.
Ablasser legt die Höhe ihres Gehalts nicht offen. Über ihren Anwalt Franz Unterasinger lässt sie lediglich gegenüber der Tageszeitung ausrichten: "Es ist ein All-in-Vertrag". Damit sind keine zusätzlichen Zulagen oder ausbezahlten Überstunden vorgesehen.
Noch schwerer wiegt ein weiterer Komplex der Anschuldigungen. Ein enger Angehöriger Ablassers lebt demnach in einer Einrichtung der Lebenshilfe Leibnitz. Ihm werden mehrere sexuelle Übergriffe gegenüber anderen Bewohnerinnen vorgeworfen, berichtet die "Kleine Zeitung".
In einem intern dokumentierten Fall soll er sich nachts auf den Bauch einer Frau gelegt haben "und zwischen ihre Beine gegriffen". Die Frau soll daraufhin weinend davongelaufen und in ein anderes Zimmer geflüchtet sein, heißt es in dem Bericht weiter.
Eine weitere Frau soll sich darüber beschwert haben, dass der Mann nachts lediglich mit Unterhose bekleidet in ihr Zimmer gekommen sei und ihr viele Bussis gegeben habe. Sie hielt dazu laut "Kleine Zeitung" schriftlich fest: "Das lasse ich nicht zu. Er soll mich nicht mehr angreifen".
Ehemalige Mitarbeiter werfen Ablasser vor, solche Vorfälle heruntergespielt zu haben. Kritisiert wird außerdem, dass sie bei der Aufarbeitung beteiligt gewesen sei und ihre Funktion als Geschäftsführerin nicht ausreichend von ihrer Rolle als enge Angehörige getrennt habe. Auch die Erwachsenenvertreter der betroffenen Frauen sollen nicht oder erst verspätet informiert worden sein.
Ablasser lässt dazu gegenüber der "Kleinen Zeitung" über ihren Anwalt erklären: "Das war alles nicht strafrechtlich relevant". Grundsätzlich weist sie die gegen sie erhobenen Vorwürfe als "unrichtig oder aus dem Zusammenhang gerissen" zurück. "Das ist eine anonyme Hetzkampagne, die seit Wochen läuft", heißt es in dem Bericht weiter.
Auch auf der Arbeitgeber-Bewertungsplattform Kununu gab es Einträge. Dagegen geht die Lebenshilfe-Chefin rechtlich vor. "Wir haben bei 14 Beiträgen die Löschung beantragt und fordern via Gericht die Herausgabe der Klarnamen", erklärt Anwalt Unterasinger gegenüber der "Kleinen Zeitung". "Das Verfahren läuft noch."
Auch die Lebenshilfe Steiermark kennt die Anschuldigungen, betont aber ausdrücklich, dass diese bisher nicht bewiesen seien. "Derzeit ist nichts bewiesen", sagt Präsidentin Elke Lujansky-Lammer zur Tageszeitung. "Aber alle geäußerten Vorwürfe stehen im Widerspruch zu den Grundsätzen, für die die Lebenshilfe steht."
Der Dachverband will eine Aufarbeitung erreichen, hat allerdings kein Durchgriffsrecht auf den eigenständigen Verein in Leibnitz. Durch dessen Austritt aus dem Dachverband sind die Möglichkeiten zusätzlich eingeschränkt.
"Trotzdem wollen wir alles beitragen, was möglich ist, um eine transparente und verantwortungsvolle Aufarbeitung zu erreichen", so Lujansky-Lammer zur "Kleinen Zeitung". Eine außerordentliche Delegiertenversammlung soll sich nun mit Ablassers Position im Präsidium beschäftigen. Einziger Tagesordnungspunkt ist ihre Abwahl.
Auch beim österreichweiten Dachverband wurden Schritte gesetzt. "Wir wurden über die anonymen Vorwürfe informiert und haben nach unseren Compliance-Richtlinien ihr Mandat ruhendgestellt", sagt Generalsekretär Philippe Narval zur "Kleinen Zeitung". "Wenige Tage später im August hat Ulrike Ablasser von sich aus ihren Rückzug erklärt."
Eine externe Untersuchung gibt es bisher nicht. Der dreiköpfige Vorstand der Lebenshilfe Leibnitz hat die Vorwürfe nach eigenen Angaben intern geprüft und hält zu Ablasser. In einem Schreiben heißt es gegenüber der "Kleinen Zeitung", die "anonym erhobenen Vorwürfe sorgfältig geprüft wurden. Dabei haben sich alle erhobenen Vorwürfe als unrichtig beziehungsweise substanzlos erwiesen."
Den Dachverbänden reicht diese interne Prüfung allerdings nicht. Sie drängen auf eine externe und transparente Aufarbeitung.
Bereits 2020 hatte die Lebenshilfe Leibnitz mit einem internen Machtkampf zu kämpfen. Ablasser sagt über die vergangenen Jahre: "Wir haben jetzt sechs Jahre hart gearbeitet". Nach dem damaligen "riesigen Skandal" habe man das Image wieder verbessern können. Nun sorgt der neue Konflikt erneut für Unruhe.