Ein Gericht in Kenia hat am Montag den Anführer einer Hungersekte, Paul Mackenzie, und rund 30 weitere Angeklagte wegen Mordes an 190 Kindern und einem Erwachsenen schuldig gesprochen. Es handelt sich dabei um eine der schlimmsten Sektenkatastrophen der jüngeren Geschichte. Das Strafmaß für Mackenzie und seine Mitangeklagten wird am 6. November bekanntgegeben. Mackenzie wurde 2023 festgenommen, nachdem die Polizei einen Hinweis bekommen hatte. Wenige Wochen später begannen die Behörden, in flachen Gräbern im Shakahola-Wald nahe der Küste im Südosten Kenias Leichen zu bergen.
Staatsanwälte werfen Mackenzie und seiner "Good News International Church" vor, eine christliche Weltuntergangssekte organisiert zu haben. Anhänger sollen gezwungen worden sein, sich und ihre Kinder zu Tode zu hungern, um vor dem Weltuntergang in den Himmel zu kommen. Mackenzie bestritt die Mordvorwürfe und behauptete, er habe niemanden gezwungen zu hungern. Das Gericht glaubte ihm jedoch nicht. Insgesamt wurden im Shakahola-Wald mehr als 400 Leichen gefunden. Viele waren so stark verwest, dass nur 26 identifiziert werden konnten. Das Urteil vom Montag betrifft 191 Todesfälle.
Ermittlungen zu weiteren Todesfällen laufen noch. Richterin Diana Kavedza Mochache erklärte während der mehr als acht Stunden dauernden Anhörung, dass in einigen Fällen Kinder isoliert und vor den Augen ihrer Eltern dem Hungertod überlassen wurden. Mackenzie war im Gerichtssaal anwesend. Er trug ein gestreiftes Poloshirt und eine rote Hose und saß neben seiner Frau, die ebenfalls angeklagt ist. Als sein Name von der Richterin aufgerufen wurde, stand er schweigend auf und starrte ins Leere.
Familienangehörige der Opfer waren im Obersten Gericht von Mombasa anwesend, um das Urteil zu hören. Francis Wanje, 62, hat durch die Sekte acht Familienmitglieder verloren, darunter zwei Enkelkinder. Vor der Urteilsverkündung sagte er zu Reuters: "Es war wirklich eine schwere Sache für uns als Familie, und es hat uns psychisch sehr mitgenommen. ... Ich habe auf diesen Tag gehofft." Die Tragödie von Shakahola beschäftigt Kenia seit der Entdeckung der Massengräber im Küstenwald vor mehr als drei Jahren. Sie wirft Fragen auf, wie Mackenzie trotz behördlicher Ermittlungen seit 2017 weiter agieren konnte.
Damals wurden seine Räumlichkeiten erstmals durchsucht. 2019 schlossen die Behörden seine Kirche, woraufhin er laut Polizei in den Shakahola-Wald umzog. Der Fall hat Forderungen nach schärferer Kontrolle von Kirchen und anderen religiösen Gemeinschaften laut werden lassen – in einem Land, in dem der Glaube eine große Rolle im öffentlichen Leben spielt. Kenias Präsident William Ruto sagte 2023, staatliche Stellen hätten die Todesfälle verhindern müssen. Er übernahm dafür die Verantwortung als Präsident.
Personen mit direktem Einblick in die Sekte berichteten Reuters, dass Mackenzie die Massenhungersnot in drei Phasen plante: Zuerst die Kinder, dann Frauen und junge Männer und zuletzt die übrigen Männer. Mackenzie, ein ehemaliger Taxifahrer, verbot seinen Anhängern laut Aussagen früherer Mitglieder, ihre Kinder in die Schule zu schicken oder bei Krankheit ins Spital zu gehen. Solche Einrichtungen bezeichnete er als "teuflisch".
Die Sektenmitglieder lebten in notdürftigen Hütten aus Plastikplanen und Stroh, die Mackenzie in Bereiche mit biblischen Namen wie Jerusalem und Judäa einteilte. Das Ausmaß des Leids kam im März 2023 ans Licht, als ein Mann der Polizei meldete, sein Bruder und dessen Frau hätten auf Mackenzies Anweisung ihre Kinder im Wald verhungern lassen. Mackenzie wurde daraufhin verhaftet, jedoch gegen Kaution freigelassen. Danach soll er laut Angehörigen das angebliche Weltuntergangsdatum vorverlegt haben.
Im April 2023 wurde er erneut festgenommen. Die Polizei begann daraufhin systematisch den Wald zu durchkämmen und Massengräber zu öffnen. Mackenzie steht wegen der Todesfälle im Wald noch vor weiteren Anklagen, auch wegen Terrorismus. Diese weist er zurück. Staatsanwälte werfen ihm außerdem vor, während seiner Haftzeit den Tod von 52 Menschen im Dorf Kwa Binzaro, etwa 30 Kilometer von Shakahola entfernt, angeordnet zu haben. Auch in diesem Fall plädiert Mackenzie auf nicht schuldig.