Migrantenkrise in Exklave

Ceuta-Chaos! Krätze, Tuberkulose und Magen-Darm-Infekte

In Ceuta warten Tausende Migranten auf Asyl, während Hilfsorganisationen Rechtsverstöße beklagen und die Regierung unter Druck gerät.
19.10.2026, 20:01
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Die Behörden geraten wegen der Situation in Ceuta zunehmend unter Druck. Am Wochenende wurden unbegleitete Minderjährige von einem Industriegelände nahe der Grenze zu Marokko vertrieben. In den lokalen Medien tauchten Bilder auf, wie diese Buben und Mädchen auf dem Gehsteig vor der Polizeiinspektion schliefen, während sie darauf warteten, registriert zu werden. Tausende Menschen sind weiterhin in Ceuta gestrandet und bringen die Behörden der kleinen, spanischen Exklave an ihre Grenzen.

Die linke Regierung Spaniens steht unter massivem Druck, diese Krise zu lösen – nicht nur von der EU, sondern auch von einer zunehmend frustrierten Bevölkerung. Am 29. November steht eine vorgezogene Wahl bevor. Hilfsorganisationen und Anwälte werfen den Behörden vor, die Rechte der Migranten zu verletzen. Besonders homosexuelle Marokkaner fürchten sich davor, zwangsweise in ein Land zurückgeschickt zu werden, das ihnen feindlich gesinnt ist. Die Krise könnte nicht nur die Wahl beeinflussen, sondern auch bis zum nächsten Sommer andauern.

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Als Fatna, hochschwanger und mit ihrem behinderten Sohn, am 30. Juli die chaotische Massen-Grenzüberquerung nach Ceuta schaffte, hoffte sie, rasch Hilfe zu bekommen. Doch fast drei Monate später braucht die Familie dringend eine Überstellung aufs spanische Festland – das Neugeborene leidet an Nierenproblemen und braucht eine Spezialbehandlung. Das Reisen während des laufenden Asylverfahrens ist jedoch nur mit einer Sondergenehmigung möglich. Diese möchte Spaniens sozialistische Regierung, die sich sonst als Unterstützerin von Migration sieht, kaum jemandem ausstellen.

Viele Migranten sind weiterhin auf den Straßen oder verstecken sich in den Hügeln der 20-Quadratkilometer kleinen Hafenstadt an Marokkos Nordostgrenze. Der Druck auf Premier Pedro Sanchez wächst. Die Regierung arbeitet an schnelleren Asylverfahren, um möglichst viele Menschen – vor allem nach Marokko – zurückzuschicken. NGOs warnen, dass dadurch die Rechte der Betroffenen verletzt werden könnten.

Anspruch auf Asyl oder humanitären Schutz

Mehr als 20 Gespräche von Reuters mit Migranten, Anwälten, NGOs und Sicherheitskräften zeigen: Viele, die noch in Ceuta sind, hätten eigentlich einen Anspruch auf Asyl oder humanitären Schutz. Dazu zählen unbegleitete Minderjährige, homosexuelle Marokkaner, die bei einer Abschiebung Gefängnis fürchten müssen, und Familien wie jene von Fatna, die laut EU-Recht als besonders schutzbedürftig gelten.

Vergangene Woche reichten acht Hilfsorganisationen, darunter Oxfam und Amnesty International, beim spanischen Ombudsmann eine Beschwerde ein. Sie sprechen von "schweren Rechtsverletzungen" in Ceuta – etwa von Zwangsrückführungen in Länder mit Konflikten und der Verweigerung von Dolmetschern und rechtlicher Unterstützung. Offizielle Stellen in Madrid reagierten auf die Vorwürfe bislang nicht. Sanchez sagte letzte Woche: Spanien gehe "verantwortungsvoll, solidarisch und unter Achtung der Menschenrechte der Migranten" mit der Situation um.

"Es gibt Menschen, die wären bei einer Rückkehr nach Marokko in großer Gefahr", sagt Wendell Soares, Leiter des katholischen Aufnahmezentrums San Antonio, das Fatnas Familie und viele weitere gefährdete Personen aufgenommen hat – weit mehr als die eigentliche Kapazität von sieben. "Wenn das Wort 'Immigrant' fällt, entsteht ein kollektives Bild, als wären alle gleich. Dabei hat jeder seine eigene Geschichte."

Rechtsgerichtete Parteien in Spanien sind schon länger wütend auf Sanchez, weil fast eine Million irreguläre Migranten heuer einen legalen Status bekommen haben. Sie sehen in der Grenzüberquerung im Juli eine gezielte "Invasion" durch Marokko – ein Vorwurf, den Marokko selbst bestreitet – und fordern, dass alle Migranten zurückgeschickt werden. Für künftige Krisen plant die EU ein beschleunigtes Abschiebeverfahren. Doch aktuell müssen die Fälle einzeln geprüft werden. Laut Regierung stammen die meisten Migranten aus Marokko.

"Es gibt unter keinen Umständen verdeckte Abschiebungen"

Über 1.000 der in Ceuta Verbliebenen kommen aber aus Ländern südlich der Sahara, deren Staatsbürger in Spanien zu über 90 Prozent Asyl bekommen. Das neue EU-Asylpaket sieht vor, Anträge direkt an der Grenze zu bearbeiten, um Rückführungen zu beschleunigen. Es verlangt aber nicht, dass die Betroffenen in der Ankunftsregion bleiben – sie könnten auch in andere spanische Grenzzonen gebracht werden. Das würde Ceuta, wo 84.000 Menschen leben, entlasten. Nur so könnten die Fälle schutzbedürftiger Migranten ordentlich geprüft werden, sagt Juan Miguel Morales, Chef der NGO Sur Acoge.

Seit Juli wurden 262 Minderjährige aufs Festland gebracht. Bei Erwachsenen versucht die Regierung, möglichst viele zur freiwilligen Rückkehr zu bewegen. Seit Mitte August seien laut Regierung 12.000 Menschen zurück nach Marokko gegangen. "Es gibt unter keinen Umständen verdeckte Abschiebungen", betont Innenminister Fernando Grande-Marlaska. Die Rückkehr erfolge freiwillig. Bislang seien rund 1.200 Asylanträge eingegangen, 700 davon wurden bereits bearbeitet. Mindestens neun NGOs behaupten aber, dass Migranten zur Rückkehr gedrängt wurden.

Laut der Organisation Asociación Elin wurden Sudanesen und Tschader Ende September von der Polizei vorgeladen und ohne Vorwarnung abgeschoben. Der marokkanische Migrant Azhaar Chaouni schrieb in Nachrichten an die deutsche NGO Mission Lifeline, er und andere seien von der Polizei aus ihren Notunterkünften am Strand geholt, in Busse gesetzt und angeblich in Aufnahmezentren gebracht worden. "Sie haben uns ohne Erklärung abgeschoben", so Chaouni, der sich mittlerweile wieder in Marokko befindet. Marokko gilt laut EU als "sicheres Herkunftsland". Das heißt aber nicht, dass Marokkaner keinen Asylantrag stellen dürfen, erklärt Andrea de Petris, Migrationsexperte beim Freiburger Thinktank CEP. "Jeder Einzelne muss eine individuelle Prüfung seiner persönlichen Umstände bekommen", so De Petris. Das Verfahren werde "zwangsläufig langwierig und teuer" sein.

Die Geschichten von verschwundenen Menschen machen Rayane, einen 19-jährigen homosexuellen Marokkaner, der im San Antonio-Zentrum auf die Entscheidung über seinen Asylantrag wartet, Angst. Von seiner Familie verstoßen, kann er in Marokko nicht offen leben, weil gleichgeschlechtliche Handlungen strafbar sind. Er will unbedingt nach Europa. "Ich kann mir nicht vorstellen, nach Marokko zurückzugehen. Ich würde mich umbringen, bevor ich die Grenze überhaupt überquere", sagt er.

Krätze, Tuberkulose und Magen-Darm-Infekte

Helfer und NGOs vor Ort sagen: Die Situation in Ceuta zeigt, dass die von der EU vorgesehene Frist von 12 Wochen für die Bearbeitung von Asylanträgen unrealistisch ist. Sieben Organisationen rechnen damit, dass sich der Prozess noch Monate hinziehen wird. Es fehlt an Personal und funktionierenden Computern. Laut Polizeigewerkschafter Raul Piera konnten am 14. Oktober nur etwa 100 Fälle pro Tag registriert werden.

Die Gewerkschaft schätzt, dass noch 7.000 bis 8.000 Menschen in Ceuta verstreut sind – viele schlafen im Freien oder sind in Unterkünften von Hilfsorganisationen und der Zivilgesellschaft untergebracht, die die überforderten städtischen Sozialdienste ersetzen. "Wenn man sich die offene Arbeit anschaut, wird das bis weit in den nächsten Sommer dauern", so Piera. Die Regierung will keine Schätzungen zu nicht registrierten Migranten abgeben.

Am 14. Oktober sagte Territorialminister Angel Victor Torres, es sei unmöglich zu wissen, wie viele sich versteckt halten. Ärzte im einzigen Spital der Stadt behandeln Migranten wegen Krätze, Tuberkulose und Magen-Darm-Infekten, die durch das Leben im Freien entstehen, sagt Enrique Robiralta, Chef der Ärztegewerkschaft.

Mindestens sieben Frauen haben bereits entbunden. Fatna und ihr Mann Mohamed wollen unbedingt in Spanien bleiben. Sie fürchten um das Neugeborene und sind überzeugt, dass ihr dreijähriger behinderter Bub in Marokko sterben würde. "Wir tun alles für unseren Sohn", sagt Mohamed.

red, 19.10.2026, 20:01
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