GesundheitsTrends Kolumne

Selbstoptimierung: Wie man sich selbst dabei verliert

Ständiges Streben nach der besseren Version von uns selbst kann richtig ungesund sein. Warum das so ist – und was wir eigentlich verlernt haben.
Nastassja Offenbacher
12.02.2026, 15:14
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Scrollt man derzeit durch Instagram oder TikTok, fühlt es sich wie ein nie endendes Upgrade an. Überall Routinen, die versprechen, unser "bestes Ich" freizuschalten. Morgenroutinen um fünf Uhr, verschiedene Apps, die den Körper auf Schritt und Tritt messen, 10-Schritte-Skincare vor dem Schlafengehen. Disziplin wird ästhetisiert, Stillstand fast schon verteufelt. Wer nicht optimiert, scheint zurückzubleiben – doch wie weit sollte man eigentlich gehen?

Das Upgrade-Ich: Wenn Optimierung zum Lebensgefühl wird

Podcasts erklären uns, wie wir produktiver arbeiten, Apps tracken unseren Schlaf, unsere Schritte, unseren Zyklus, unsere Bildschirmzeit. Alles ist messbar – und damit scheinbar kontrollierbar. Die Idee dahinter klingt ja eigentlich zuerst positiv: Verantwortung für sich selbst übernehmen, Gewohnheiten verbessern, gesünder leben.

Doch zwischen dem Rechnen der täglichen Proteinmenge und einem streng durchgetakteten Tag rund um Selfcare verschwimmt etwas Entscheidendes: die Grenze zwischen gesunder Entwicklung und belastendem Dauerstress.

Wer jeden einzelnen Bereich seines Lebens als Baustelle betrachtet, lebt in permanenter Bewertung. War das Work-out effektiv genug? Habe ich heute genug Proteine gegessen? War meine REM-Schlafphase ideal? Selbst Freizeit wird zur Optimierungsfläche: Das Hobby muss "Mehrwert" bringen, die Pause "regenerativ" sein. Wenn Achtsamkeit zur To-do-Liste gehört, dann optimieren wir nicht unser Leben – wir verwalten es.

Langlebigkeit oder Hochleistungsprojekt?

Aus dem Wunsch nach Wachstum kann schnell das Gefühl entstehen, nie genug zu sein. Und das ist - seien wir uns einmal ehrlich - richtig schlecht. Nicht nur für unseren Selbstwert, sondern auch für unser Nervensystem. Und das ist durch ständige Dauerbeschallung durch Social Media und Co. sowieso schon dauerhaft in Anspannung.

Besonders sichtbar wird das im Gesundheitsbereich. Von Clean Eating über Eisbäder und 10k Steps bis hin zu (sehr teuren) Biohacking-Methoden – vieles davon, was wir auf Social Media sehen, kann vielleicht sinnvoll sein – doch nicht alles, was unter #longevity oder #fitness läuft, tut uns automatisch gut. Wenn Mahlzeiten nur noch nach Makros bewertet werden und ein verpasstes Workout schlechte Laune auslöst, kippt Fürsorge in Zwang.

Man darf auch nicht unterschätzen: Gerade beim Longevity-Trend wird vieles richtig teuer verkauft und richtet sich deshalb eher an wohlhabende Leute. Dabei ist das eigentlich gar nicht nötig. Longevity heißt ja einfach nur Langlebigkeit – und die findet man vor allem in den Blue Zones. Dort setzen die Menschen nicht auf teure Anwendungen, sondern auf ganz einfache Dinge: gesund essen, sich viel bewegen und enge soziale Kontakte pflegen.

Wann Schluss ist: Die Kunst, sich gut genug zu fühlen

Gesundheit ist kein Wettbewerb. Unser Körper ist kein Start-up, das ständig skaliert werden muss. Natürlich ist es sinnvoll, sich zu bewegen, ausgewogen zu essen und Routinen zu etablieren. Aber dauerhaft nach Plan leben? Wo bleiben Spaß, Lebensfreude und das Gefühl, einfach man selbst sein zu können und sich auch einmal wirklich zu entspannen?

On top kommt der soziale Vergleich. Besonders Social Media zeigt uns nur die Highlights -  perfekt strukturierte Tagesabläufe und scheinbar makellose Disziplin. Was wir nur selten sehen: Pausen, Zweifel, Überforderung. Wer sich ständig an diesen Bildern misst, verliert schnell das Gespür für die eigenen Bedürfnisse.

Was wir nämlich alle total verlernt haben - vor allem die Digital Natives - ist, einfach einmal Langeweile zuzulassen und auch auszuhalten. So wie früher als Kinder. Genau dann fährt das Nervensystem runter, man nimmt die Welt viel schärfer wahr und etwas sehr Essenzielles passiert: Kreativität entsteht und man beginnt, richtig "out of the box" zu denken. Das kann heilend und entspannend zugleich sein. Und Entspannung ist genau das, was uns oft fehlt – sie gibt unserem Kopf Ruhe, unseren Gedanken Raum und unserem Körper die Chance, sich wirklich zu resetten.

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