Manche Menschen scheinen ganze Büros, Schulklassen oder Freundesrunden lahmzulegen. Sie reden, lachen, singen – und kurz darauf liegen mehrere andere mit Grippe oder Corona flach. Lange galt das als Zufall oder schlicht Pech, doch die Forschung zeigt immer deutlicher: Ein kleiner Teil der Menschen ist für einen Großteil der Ansteckungen verantwortlich. Und dabei spielen nicht nur Nähe oder Hygiene eine Rolle, sondern auch Stimme, Sprache und sogar einzelne Buchstaben.
Virologen sprechen seit Jahren von einem bekannten Muster bei Atemwegserkrankungen. Die sogenannte "80-20"-Regel besagt, dass rund 20 Prozent der Infizierten für etwa 80 Prozent aller Ansteckungen verantwortlich sind: Diese Menschen werden in der Forschung als "Superspreader" bezeichnet – auch bekannt als Bazillenschleuder.
Ein entscheidender Faktor ist die Virenmenge, die sich in den Atemwegen befindet: "Manche Menschen haben zehn Millionen Mal mehr Viren als andere", erklärt die Infektionsforscherin Kylie Ainslie dem "BBC". In Extremfällen können sich bis zu einer Milliarde Viruspartikel pro Milliliter Atemflüssigkeit befinden. Wer so viele Viren in sich trägt, stößt beim Atmen, Sprechen oder Husten automatisch mehr infektiöses Material aus.
Wie stark jemand andere ansteckt, hängt nicht nur von der Menge der ausgestoßenen Partikel ab, sondern auch von deren Größe: Studien zeigen, dass Erkrankte besonders viele Aerosole produzieren – winzige Teilchen, die lange in der Luft schweben und tief in die Lunge eindringen können.
"Diese Partikel gelangen weiter in die empfindlichen Regionen der Lunge", erklärt der Mikrobiologe Chad Roy im "BBC"-Interview. Wer sie einatmet, hat eine höhere Wahrscheinlichkeit, sich zu infizieren. Forscher gehen davon aus, dass sich Viren im Laufe der Evolution genau darauf spezialisiert haben: möglichst effektiv von Mensch zu Mensch zu gelangen.
Ein besonders großer Risikofaktor ist lautes Sprechen. Studien aus Kalifornien zeigen, dass Menschen beim lauten Reden bis zu 50-mal mehr Aerosole ausstoßen als beim leisen Sprechen. Der Grund: Die Stimmbänder öffnen und schließen sich häufiger, wodurch sich mehr Partikel im Kehlkopf bilden. Besonders gefährdet sind daher Menschen, die viel reden, gerne singen oder ihre Stimme stark einsetzen – etwa in Diskussionen oder bei emotionalen Gesprächen.
Besonders spannend: Nicht alle Laute sind gleich harmlos. Eine Untersuchung aus dem Jahr 2020 untersuchte gezielt die Aussprache einzelner Buchstaben: "Wenn man Laute wie T, K oder P stark artikuliert, stößt man mehr Tröpfchen aus", verrät der Infektiologe Werner Bischoff gegenüber "BBC". Diese Konsonanten erzeugen kleine "Explosions"-Laute, bei denen besonders viele Partikel freigesetzt werden.
Auch körperliche Faktoren spielen eine Rolle: Übergewichtige Menschen stoßen beim Atmen und Husten mehr Tröpfchen aus. "Menschen mit Übergewicht produzieren mehr Atempartikel", erklärt Matthew Binnicker von der Mayo Clinic dem "BBC". Die Ursache sind flachere Atemzüge und ein höherer Sauerstoffbedarf.
Niemand weiß im Voraus, ob er selbst eine Bazillenschleuder ist, aber: Lautes Reden, starkes Artikulieren und schlecht belüftete Räume erhöhen das Risiko massiv.