Der erste Atemzug markiert den Beginn unseres Lebens, der letzte sein Ende. Dazwischen begleitet uns das Atmen ununterbrochen – leise, zuverlässig, meist völlig unbemerkt. Jeder Atemzug versorgt jede einzelne Zelle mit Sauerstoff und hält lebenswichtige Prozesse am Laufen. Und doch wissen viele Menschen erstaunlich wenig darüber, wie stark der Atem Körper und Psyche beeinflussen kann. Neue Studien zeigen inzwischen: Wer bewusst atmet, kann messbare Effekte auf Herz, Gehirn und Stresslevel erzielen.
Technisch gesehen gibt es zwar keine "falsche" Art zu atmen, doch Dhara Shah, Physiotherapeutin und zertifizierte orthopädische Spezialistin am Emory University Hospital, spricht gegenüber der "Washington Post" von "weniger effektiven" Atemtechniken. Besonders häufig seien zwei Muster: Mundatmung sowie flache, ungestützte Brustatmung.
Als Goldstandard gilt hingegen tiefes Zwerchfellatmen durch die Nase. Denn die Nasenlöcher filtern, erwärmen und befeuchten die Luft – Vorteile, die beim Atmen durch den Mund verloren gehen, erklärt Shah. Zudem könne Nasenatmung helfen, das Nervensystem zu regulieren: Der Körper bleibt ruhiger, innere Organe werden weniger belastet. Schnelle, flache Atemzüge hingegen würden eine natürliche Panikreaktion imitieren und dadurch unnötigen Stress auslösen.
Auch Atemnot in Ruhe kann laut Shah ein Hinweis darauf sein, dass hauptsächlich mit der Brust statt mit dem Zwerchfell geatmet wird. Wer seine Atemqualität überprüfen möchte, kann einen einfachen Test machen: flach auf den Boden legen, eine Hand auf den Bauch, die andere auf die Brust. "Achten Sie darauf, welche sich zuerst hebt", rät Shah. Bewegt sich vor allem die Brust, sei das ein Zeichen dafür, dass das Zwerchfell zu wenig eingesetzt wird.
Schlechte Atemgewohnheiten entstehen laut der Expertin häufig nicht zufällig. Auslöser können unter anderem Grunderkrankungen, chronisch verstopfte Nasen, Angstzustände oder bestimmte Lebensgewohnheiten sein. Besonders Menschen mit sitzendem Alltag – sprich: Couchpotatoes – hätten ein höheres Risiko, problematische Atemmuster zu entwickeln. Ein inaktiver Lebensstil könne die Muskeln schwächen, die für eine gesunde Atmung nötig sind – vor allem dann, wenn zusätzlich eine schlechte Körperhaltung dazukommt. "Eine aufrechte, bequeme Haltung ist der einfachste Weg, um das Zwerchfell zu trainieren", so Shah.
Doch Gewohnheiten zu verändern – vor allem etwas so Unbewusstes wie das Atmen – ist nicht leicht. Shah empfiehlt daher fünf konkrete Schritte, mit denen sich die Atmung gezielt trainieren und langfristig verbessern lässt.
Mit etwas Übung und Wiederholung kann die Zwerchfellatmung zur Selbstverständlichkeit werden, aber es erfordert möglicherweise ein wenig Engagement. Shah empfiehlt, sich jeden Tag ein paar Minuten Zeit für Atemübungen zu nehmen, idealerweise zwei- bis drei Mal täglich für jeweils fünf Minuten. Mit der Zeit werden diese tieferen Atemzüge immer natürlicher – und Sie können beruhigt durchatmen, weil Sie Ihrem Nervensystem etwas Gutes tun.