So lief das Kurz-Aus, so tappte Rendi in die Kickl-Falle

Heute.at-Chef Clemens Oistric über das Ende der Kanzlerschaft Kurz 2
Heute.at-Chef Clemens Oistric über das Ende der Kanzlerschaft Kurz 2Denise Auer, Dragan Tatic, Picturedesk
Im engsten Kreis entschied sich Kurz am Samstag für die Staatsmann-Erzählung. Rendi demaskierte sich völlig. Politik backstage von Clemens Oistric. 

Sebastian Kurz scheint entzaubert, Oppositionschefin Pamela Rendi-Wagner hat sich ohne Not aber gleich ebenso demaskiert. Seit Auffliegen der Chat-Affäre und Koglers roter Karte für Sebastian Kurz war die Republik in einer Patt-Situation gefangen. Die Grünen wollten nicht mehr mit Kurz, die Türkisen nicht ohne ihn weiterregieren. Offenbar von (Partei-)freund und Feind verlassen – was oft ohnehin auf das Gleiche hinausläuft – strebte Rendi-Wagner einen wilden Stunt an. Sie wollte Bundeskanzlerin einer Vierer-Koalition werden. Dafür war der SPÖ offenbar jedes Mittel recht. Selbst, ihr rotes Tuch Herbert Kickl in die Regierung zu hieven. Der ZiB-2-Auftritt Rendis am Freitag wirkte fast so, als hätte sie ihre Visitenkarten fürs Kanzleramt schon drucken lassen, am Samstag setzte die Virologin einen Vier-Augen-Termin mit Impfgegner Kickl drauf. 

Rendi wollte Übereinkommen mit Kickl

Bezeichnend für die Roten: In einer eilig einberufenen Präsidiumssitzung am Donnerstag hatte lediglich Burgenlands Landeschef Hans Peter Doskozil den Kopf geschüttelt. Ausgerechnet jener SP-Grande, der wegen seiner Positionierung in der Migrationsfrage und einer einst von Hans Niessl geerbten rot-blauen Koalition wiederholt mit den moralisch vermeintlich so gefestigten Genossen in Wien im Clinch liegt. Diesmal stemmte sich nicht einmal die Hauptstadt gegen Verhandlungen mit der Kickl-FPÖ.

"Erzählung Staatsmann" in der Nachspielzeit

Dass die SPÖ mit einem blauen Auge aus der mehr als tollpatschigen Nummer herauskommt, liegt einzig daran, dass sich Sebastian Kurz im letzten Moment für die "Erzählung Staatsmann" entschieden hat. Als ihm am Samstag dämmerte, dass die Grünen nicht einlenken würden, ihm am Dienstag im Parlament die Abwahl blüht (wenn nicht schon vorher ein Landeschef aufgemuckt hätte), entschied er sich dazu, das Kanzleramt aufzugeben und von Parlamentsklub aus die Strippen zu ziehen. "Es geht um Österreich, nicht um mich", sagte er. Und: Er sei auch nur ein Mensch mit Fehlern.

Einige Türkise wollten kämpfen

Die Einsicht kam spät aber doch. Den Plan hat er mit seinem engstem Kreis (Mastermind Stefan Steiner, Kabinettschef Bernhard Bonelli, Medienprofi Gerald Fleischmann) und einigen ausgewählten Parteifreunden am Donnerstag abgestimmt. Stets eingebunden waren laut Insidern Elisabeth Köstinger, Karl Nehammer, Alexander Schallenberg (er folgt Kurz als Kanzler nach), August Wöginger (mit ihm wird er künftig den türkisen Parlamentsklub führen). Wie "Heute" zugetragen wurde, waren einige Minister (sie trafen um 18.00 Uhr im Kanzleramt ein) wild entschlossen, weiter kämpfen zu wollen. Als alle die Kurz-Erzählung Staatsmann abgenickt hatten, wurden die Länderchefs (auch die wollten das Kanzleramt um jeden Preis retten) und Bünde in Kenntnis gesetzt, um 19.40 Uhr, zur besten Sendezeit – Zufall – dann die Österreicher. 

Im Wahlkampf Infight Dosko gegen Kurz

Wie geht's weiter? Grüne und VdB werden den Top-Diplomaten Schallenberg durchwinken, die Grünen ausnahmsweise ein Vater unser beten. Nur so bekommen sie ihre Leuchtturm-Projekte (Klimaticket, ökosoziale Steuerreform, Plastikpfand) durchs Parlament und budgetiert. Dann wird irgendwann das Licht in der Koalition ausgeknipst. Gut möglich, dass die ÖVP  dann nochmals ihr stärkstes Zugpferd, Sebastian Kurz, in den Wahlkampf reiten lässt. Die Roten brauchen spätestens dann einen Restart ohne der Umfallerin Rendi. In Wahrheit kann die SPÖ nur mit einem Publikumsliebling wie Hans Peter Doskozil oder einem Grandseigneur wie Peter Hanke wieder zu einem politischen Faktor werden. Flexibel für schnelle Schwenks sind die Roten ja, spätestens das wissen wir seit Donnerstagabend …

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