Strahlender Sonnenschein, das Glänzen der Dolomiten, perfekte Fernsehbilder. Eigentlich war bei der Abfahrt der Damen alles angerichtet, damit die Inszenierung der Olympischen Spiele des IOC einen vorläufigen Höhepunkt erreicht. Doch dann kam alles anders. Oder zumindest vorerst.
Um das Stadion in Cortina zu erreichen, braucht es mangels Seilbahn weiterhin Bus-Shuttles. Immerhin: In Sachen Pünktlichkeit zeigten sie sich im Vergleich zu den Vortagen deutlich verbessert. Oben angekommen offenbart sich dennoch rasch eine Dreiklassengesellschaft. Zuschauertribüne, Mixed Zone für Journalisten aus aller Welt und darüber die VIP-Tribüne samt Hospitality-Zelt.
Noch bevor auch nur eine Läuferin das Starthaus verlassen hatte, gab es den ersten Ärger. Schreibenden Journalisten wurde untersagt, mit dem Handy Fotos zu machen – anders als noch bei den vergangenen Spielen. Vereinzelte Versuche wurden umgehend von einer energischen Mitarbeiterin unterbunden, verbunden mit der Drohung des Akkreditierungsentzugs. Dass nur wenige Meter weiter auf der VIP-Tribüne zahlreiche Influencer genau das taten, schien hingegen kein Problem zu sein. Für das Rennen selbst interessierte man sich dort ohnehin nur bedingt. Entsprechend gut gefüllt war das Hospitality-Zelt.
Doch die Inszenierung funktionierte. Als Olympia-Edelfan Snoop Dogg eintraf, wurde für mehrere Minuten die gesamte Straße gesperrt. Danach schunkelte er im Vonn-Shirt gemütlich vor sich hin. Alles schien bereit für das Heldenepos: Lindsey Vonn, 41 Jahre alt, mit gerissenem Kreuzband, auf der Suche nach einer zweiten olympischen Medaille nach Vancouver 2010, vielleicht zum Abschluss ihrer Karriere. Doch es kam anders.
Schon nach wenigen Momenten stürzte Vonn schwer. Die Bilder auf der Videowall im Ziel ließen die zuvor gelöste Stimmung innerhalb von Sekunden kippen. Minuten der Ungewissheit folgten, in denen man eine Stecknadel hätte fallen hören können. Nur der DJ fühlte sich irgendwann bemüßigt, einen stoischen Beat einzuspielen. Als schließlich der Helikopter direkt über dem Zielraum zu sehen war, ging vielen ein kalter Schauer über den Rücken.
Nach rund 20 Minuten der Ungewissheit und dem Abtransport per Helikopter wurde das Rennen fortgesetzt. Trotz eifriger Bemühungen des DJs wollte jedoch keine echte Stimmung mehr aufkommen. Dass Teamkollegin Breezy Johnson ohne einen Weltcupsieg zu Olympiagold raste, geriet dabei fast zur Nebensache.
Es war ein olympischer Vormittag ohne schöne Bilder, dafür mit einem Publikum, das den olympischen Geist ernst nahm. Still, respektvoll, aufmerksam. Und mit dem gemeinsamen Gefühl, dass das Karriereende für Lindsey Vonn definitiv einen anderen Rahmen verdient hat.