Die Diskussion um TikTok, Instagram und Co. nimmt Fahrt auf. Beim Kinder- und Jugendpsychiatrie-Kongress in Innsbruck schlägt Kathrin Sevecke Alarm – und spricht aus, was viele Eltern fürchten. Die psychischen Folgen seien längst Realität in den Kliniken.
Kathrin Sevecke, Direktorin der Universitätsklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie in Innsbruck und Primaria in Hall, fordert ein Social-Media-Verbot bis 15 oder 16 Jahre. Der Schaden überwiege klar. "Der Einfluss von Social Media ist deutlich negativer Art", sagte sie gegenüber der APA.
In der täglichen Arbeit sehe man "so starke Abhängigkeiten vom Bildschirm". Das ständige Vergleichen im Internet zerstöre das Selbstbild, vor allem bei Mädchen. Der eigene Körper werde nicht mehr angenommen, psychische Erkrankungen nähmen zu.
Besonders dramatisch zeigte sich das Problem nach dem Amoklauf an einer Schule in Graz im Vorjahr. Kinder und Jugendliche seien damals mit "verstörenden Bildern und Videos" konfrontiert gewesen. Die Debatte über ein Social-Media-Verbot bekam dadurch neue Brisanz.
Ein hoher Medienkonsum gehe klar mit mehr psychischen Erkrankungen einher, hielt Sevecke fest. Positiv wirke sich hingegen das gezielte Recherchieren von Nachrichten und Fakten aus – nicht das endlose Scrollen.
Thomas Lackner, leitender Psychologe an der Kinder- und Jugendpsychiatrie in Hall, warnt jedoch: Ein Verbot allein werde nicht reichen. Kinder bräuchten Grenzen – und Erwachsene, die Verantwortung übernehmen.
Eltern seien oft "kaum in der Elternrolle" und hätten "keine Energie" für ihre Kinder. Diese Entwicklung habe bereits lange vor der Corona-Pandemie eingesetzt.
Auch die Versorgung steht unter massivem Druck. Zwar wird der Ausbau stationärer Plätze in Tirol begrüßt, doch die Realität ist ernüchternd: Vier bis sechs Monate Wartezeit auf einen stationären Platz sind weiterhin üblich.Gefordert wird daher ein Ausbau von Hometreatment-Angeboten. Die Betreuung zu Hause sei niederschwelliger, flexibler und könne stationäre Aufenthalte vorbereiten oder sogar verhindern.
Neben den Familien gelten Schulen als entscheidender Faktor. Mehr Prävention, Aufklärung, Stressmanagement und Bewegung könnten die psychische Widerstandsfähigkeit stärken. Rund 40 bis 50 Prozent der Kinder und Jugendlichen in Österreich gelten als psychisch belastet. Für Sevecke ist die seit 2010 geborene "Generation Alpha" die verletzlichste Gruppe unserer Zeit.