SOS-Kinderdorf Österreich will seine Vergangenheit umfassend aufarbeiten. Ab 1. November wird dafür eine internationale wissenschaftliche Studie ausgeschrieben. Im Mittelpunkt stehen die Organisationsgeschichte, Missbrauchsvorwürfe gegen Gründer Hermann Gmeiner und die Frage, wie Gewalt ermöglicht und ihre Aufdeckung verhindert werden konnte. Das teilte die Organisation am Dienstag mit.
SOS-Kinderdorf Österreich arbeitet dafür mit den SOS-Kinderdörfern weltweit und SOS-Kinderdorf International zusammen. Untersucht werden soll auch, welche institutionellen Strukturen Gewalt und Missbrauch begünstigt haben.
"Wir haben uns in den vergangenen Monaten intensiv mit den Fehlern unserer Vergangenheit auseinandergesetzt und einen umfassenden Reformprozess eingeleitet. Die unabhängige wissenschaftliche Aufarbeitung unserer Gründungsgeschichte ist ein weiterer wichtiger Schritt auf diesem Weg", sagte Brigitte Lueger-Schuster, Aufsichtsratsmitglied von SOS-Kinderdorf Österreich. "Niemand steht über der Verantwortung."
Die Untersuchung ist auf zwei Jahre angelegt. Dabei sollen die Rolle von Hermann Gmeiner und seines langjährigen Nachfolgers Helmut Kutin sowie deren Einfluss auf die Organisation beleuchtet werden.
Besonderes Augenmerk liegt auf Macht- und Abhängigkeitsstrukturen. Auch mögliche Netzwerke von Täterinnen, Tätern und Mitwissenden sowie Mechanismen zur Verschleierung von Gewalt- und Missbrauchsfällen sollen untersucht werden. Die Studie soll sich nicht auf Österreich beschränken, sondern auch Deutschland und weitere Länder einbeziehen.
Eine internationale wissenschaftliche Jury soll das Forschungsteam auswählen. Begleitet wird die Untersuchung von einem unabhängigen Beirat, dem wissenschaftliche Experten sowie sogenannte "Care Leaver" angehören. Damit sind Menschen gemeint, die in stationären Einrichtungen der Jugendhilfe aufgewachsen sind.
Die Forschenden sollen uneingeschränkten Zugang zu relevanten Archivunterlagen erhalten und bei der Kontaktaufnahme mit Zeitzeuginnen und Zeitzeugen unterstützt werden. SOS-Kinderdorf kündigte an, die Ergebnisse der Studie zu veröffentlichen.
Das ist insofern von Bedeutung, als die Organisation bereits zuvor zwei Studien zu Missbrauchs- und Misshandlungsvorwürfen in Tirol und Kärnten in Auftrag gegeben hatte. Die Ergebnisse wurden allerdings zunächst nicht veröffentlicht. Erst als die Wiener Stadtzeitung "Falter" im Vorjahr darüber berichtete, wurde der Skandal öffentlich bekannt.
Die neue Studie soll an den bereits begonnenen Reformprozess von SOS-Kinderdorf Österreich anknüpfen. Auch eine unabhängige Reformkommission hatte die Notwendigkeit betont, sich konsequent mit der Vergangenheit und den dahinterliegenden Organisationsstrukturen auseinanderzusetzen.
"Wir wollen unsere Gründungsgeschichte weder ausblenden noch beschönigen, sondern vollständig und wissenschaftlich aufarbeiten – auch wenn die Erkenntnisse unbequem sind", erklärte Lueger-Schuster.