Graz, 10. Juni 2025 – um kurz vor 10 Uhr vormittags schießt der noch junge Amokläufer am BORG Dreierschützengasse um sich, tötet neun Schüler und eine Lehrerin, ehe er sich nach sieben Minuten auf einer Toilette selbst neutralisierte. Weitere elf Menschen wurden teils lebensbedrohlich verletzt.
Unter ihnen auch der 16-jährige Sam Askari. Als seine Klasse angegriffen wurde, traf ihn eine Kugel am Kopf: "Ich habe weiß gesehen, nix gehört und nach paar Sekunden konnte ich wieder sehen. Ich konnte wegen meinem Kiefer nicht gescheit reden, aber habe versucht, ruhig zu bleiben", erinnert er sich jetzt im Gespräch mit dem ORF zurück.
Heute ist er sich sicher: Er stand damals an der Schwelle des Todes. Während des zweitätigen Komas habe er einen Traum gehabt. Darin spielte er Schach gegen Weltmeister Garri Kasparow: "Wir haben gar nicht gesprochen, aber ich wusste, dass es eine Regel gibt. Wenn ich dieses Spiel gewinne, kann ich am Leben bleiben. Wenn ich dieses Spiel verliere, werde ich sterben."
"Dieser Tag hat mich verändert, aber nicht zum Schlechteren. Das ist ein Sieg, den ich diesem Mörder nicht gewähren möchte", schreibt der Grazer Schüler nun in seinem Buch "Graz, 10. Juni 2025", das am 15. März erschienen ist. Während einige seiner Klassenkameraden noch immer nicht über den Horror sprechen wollen, ist für Sam die öffentliche Auseinandersetzung damit Teil seiner Verarbeitung.
Noch im Krankenhaus brachte der leidenschaftliche Musiker sein Trauma in Form von Raptexten zu Papier. Musik ist für ihn ein Ventil und auch eine Kraftquelle: "Musik war nie ein Hobby von mir. Das war mein Traum. Und ich werde alles für meinen Traum machen." Inzwischen steht "Samiko", wie er sich nennt, auch auf der Bühne. Erst kürzlich war er im Wiener Auhof Center zu Gast.
Dem Amoklauf will er künftig nur noch einen "kleinen Platz" in seinem Gehirn einräumen. Die Geschehnisse komplett aus dem Gedächtnis löschen, kann und will er nicht: "Nur dann können wir einander helfen, damit sowas nicht wieder passiert."
Deswegen beginnt und endet sein Buch auch nicht mit der Bluttat am BORG, sondern in der iranischen Großstadt Rascht am Kaspischen Meer. Dort ist Sam aufgewachsen. Erst 2023 zog er – ohne ein Wort Deutsch zu können – mit seinen Eltern nach Graz, nachdem sein Vater eine Stelle als Ingenieur gefunden hatte. Auf 144 Seiten schreibt er über die Schwierigkeiten des Einlebens in eine fremde Gesellschaft, vom Gefühl der Verlorenheit, von der Einsamkeit, von der identitätsstiftenden Kraft der Musik – und den langen und schmerzhaften Weg zurück ins Leben.