"Sie warten auf ihren Tod." Mit diesem Gedanken stand Thomas Tuchel während des WM-Halbfinales gegen Argentinien an der Seitenlinie. England führte, stellte dann aber das Fußballspielen ein – und gab die Partie schließlich noch mit 1:2 aus der Hand. Bei der Aufarbeitung nahm der Deutsche jetzt kein Blatt vor den Mund. Vor allem eines gesteht der 53-Jährige ein: Auch er selbst machte Fehler.
Für Tuchel kippte die Partie bereits früh in der zweiten Halbzeit. "Wir sind in eine Denkweise verfallen, das Spiel einfach nur zu überstehen. So haben wir gespielt. Wir haben gespielt, als wären nur noch drei, vier Minuten übrig – dabei waren es noch 30 bis 40 Minuten", teilte der England-Trainer seine Gedanken im Podcast "Reflections: England's World Cup Journey" mit.
England zog sich immer weiter zurück, überließ Argentinien den Ball und schaffte es kaum noch, selbst für Entlastung zu sorgen. Die Südamerikaner warfen hingegen alles nach vorne. Tuchel beschreibt das Spiel des späteren Finalisten als "Scheiß-drauf-Fußball". Tuchels Eingeständnis: "Damit hatten wir Probleme."
Besonders nach der Trinkpause wurde das Gefühl des Teamchefs immer schlechter. Seine Mannschaft agierte zu passiv, gab den Ball zu schnell her und verlor zunehmend die Kontrolle. An der Seitenlinie hatte Tuchel laut eigener Aussage bereits das Gefühl, seine Spieler "warten auf ihren Tod".
Er versuchte mit Wechseln und taktischen Anpassungen gegenzusteuern. "Ich habe versucht zu helfen. Genau darum geht es bei der Intervention eines Trainers. [...] Man versucht nicht, etwas aus Ego-Gründen oder aus anderen Gründen durchzusetzen." Am Ende reichte es nicht. Argentinien drehte die Partie und beendete Englands Traum vom WM-Finale.
Wie tief der Stachel sitzt, zeigt eine andere Aussage: Tuchel hat sich das komplette Halbfinale bis heute nicht noch einmal angesehen. Lediglich einzelne Szenen und Ausschnitte konnte er sich anschauen. "Es ist ein sehr, sehr schwieriger Weg, der einen quälen kann. Ihr könnt versuchen, mich hier fertigzumachen, aber es ist meine Narbe. Ich bin verantwortlich", gestand der Deutsche.