Mythos entlarvt

Einbildung! Warum Frühjahrsmüdigkeit nicht existiert

Viele glauben, dass sie im Frühling besonders erschöpft sind. Doch eine neue Studie zeigt: Das bekannte Phänomen könnte nur Einbildung sein.
Heute Life
09.03.2026, 17:11
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Wenn die Tage länger werden und die Temperaturen steigen, fühlen sich viele Menschen plötzlich müde, schlapp und antriebslos. Dieses Phänomen wird häufig als Frühjahrsmüdigkeit bezeichnet. Besonders im Übergang vom Winter zum Frühling muss sich der Körper erst an die veränderten Lichtverhältnisse und Temperaturen anpassen. Hormone, Stoffwechsel und Kreislauf geraten dabei kurzfristig aus dem Gleichgewicht – mit der Folge, dass sich viele Menschen trotz mehr Sonne zunächst erschöpft fühlen.

Viele Menschen geben in Onlineumfragen an, dass sie unter Frühlingsmüdigkeit leiden. Doch wenn man genauer hinschaut, hält diese Behauptung nicht stand. Eine Studie der Universität Basel, bei der hunderte Menschen über ein Jahr hinweg immer wieder befragt wurden, hat keinen Hinweis auf das sogenannte Phänomen gefunden. "Das hätte sich in der Auswertung der Umfragedaten zeigen müssen", sagt Studienleiterin Christine Blume von der Uni Basel im Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur.

Mythos im deutschsprachigen Raum

Blume und der Schlafforscher Albrecht Vorster vom Inselspital Bern schreiben im "Journal of Sleep Research" (Preprint), dass es sich bei der Frühlingsmüdigkeit um einen Mythos im deutschsprachigen Raum handelt. Der Begriff sei so fest verankert, dass viele an die Müdigkeit glauben – eine selbsterfüllende Prophezeiung also.

Blume, Psychologin am Zentrum für Chronobiologie, kam auf die Idee zur Studie, weil sie jedes Jahr nach dem Winter von Journalisten gefragt wurde, wie sie das Phänomen erklärt. "Es existieren zahlreiche Hypothesen, um das Phänomen zu erklären", sagt Blume. "Aber es hat nie jemand überprüft, ob es überhaupt existiert."

Kein Zeichen für mehr Müdigkeit

Oft wird behauptet, dass sich bei steigenden Temperaturen die Blutgefäße weiten und der Blutdruck sinkt. Der Körper müsse sich daran erst gewöhnen. Auch Hormone wie das "Nachthormon" Melatonin werden als Ursache genannt. Doch Blume widerspricht: "Aus chronobiologischer Sicht ist das völlig unplausibel." Melatonin werde im 24-Stunden-Rhythmus gebildet und abgebaut. "Eine Art Überschuss von Melatonin zum Ende des Winters, der uns müde macht und zunächst abgebaut werden muss, gibt es nicht."

Um dem Ganzen auf den Grund zu gehen, starteten Blume und Vorster vor zwei Jahren eine große Onlinebefragung. 418 Personen machten ab April 2024 ein Jahr lang alle sechs Wochen Angaben zu Schlaf und Müdigkeit. Fast die Hälfte meinte zwar, sie sei von Frühjahrsmüdigkeit betroffen. Aber die Einzelbefragungen zeigten: Es gab keine Hinweise auf mehr Erschöpfung, keine erhöhte Tagesschläfrigkeit und keine schlechtere Schlafqualität in dieser Zeit.

Keine Beweise gefunden

"Im Frühling werden die Tage schnell länger", sagt Blume. "Wenn Frühjahrsmüdigkeit ein echtes biologisches Phänomen wäre, sollte sich das gerade in dieser Übergangsphase zeigen, etwa weil sich der Körper anpassen muss." Doch die Daten zeigten keinen Zusammenhang zwischen der Tageslänge und der Müdigkeit. "Wir fanden keinen empirischen Beleg für das Phänomen."

Warum glauben dann so viele an die Frühlingsmüdigkeit? Ein Verdacht: Der Mythos selbst macht uns empfänglicher für diese Wahrnehmung – einfach weil der Begriff so bekannt ist. Psychologen nennen das den Labeling-Effekt: Wein schmeckt uns auch besser, wenn wir glauben, er sei teuer. "Das hat etwas mit unserer Erwartungshaltung zu tun", erklärt Blume. "Wenn ich erwarte, dass ich im Frühjahr müde bin, ändert das auch meine Interpretation solcher 'Symptome'." Mediziner sprechen vom Nocebo-Effekt – die Bestätigung einer negativen Erwartung, ähnlich wie beim Placebo, nur eben umgekehrt.

Phänomen nur bei uns bekannt

Eine weitere Erklärung ist die sogenannte kognitive Dissonanzreduktion: Am Ende des Winters will man das schöne Wetter und die warmen Temperaturen ausnutzen – zum Laufen, für Ausflüge oder Treffen. Bleibt dann der Energieschub aus, ist die Frühjahrsmüdigkeit eine bequeme Erklärung, vor allem wenn auch andere davon reden. Außerhalb des deutschsprachigen Raums kennt kaum jemand das Phänomen. Blume bestätigt: "Wenn ich Kolleginnen und Kollegen aus anderen Ländern davon erzähle, staunen die."
Im englischsprachigen Raum gibt es zwar das "spring fever". Damit ist aber nicht Müdigkeit gemeint, sondern eher eine gesteigerte Lebensfreude und Energie.

{title && {title} } red, {title && {title} } 09.03.2026, 17:11
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