Statt wie bisher sollen Schüler ihre digitalen Endgeräte künftig erst im zweiten Semester der sechsten Schulstufe erhalten – also fast zwei Jahre später. Hintergrund sind wachsende Bedenken über den frühen Einsatz digitaler Technologien im Unterricht. Kinder sollen wieder mehr Zeit ohne Bildschirm verbringen.
Für Paul Beyer Klinkosch, Mitgründer des Bildungsanbieters SchuBu, greift diese Diskussion allerdings zu kurz. Nicht die Anzahl der Geräte entscheide über den Lernerfolg, sondern wie sie im Unterricht eingesetzt werden.
"Unsere Schulen haben Digitalisierung lange mit technischem Fortschritt gleichgesetzt. Jetzt besteht die Gefahr, dass wir denselben Denkfehler in die andere Richtung machen und weniger Technologie automatisch für besseren Unterricht halten. Aber ein schlechtes Arbeitsblatt wird auf einem Tablet nicht besser – und ein guter Lernprozess nicht schlechter, nur weil er auf einem Bildschirm stattfindet", erklärt Beyer Klinkosch.
Dass Smartphones und Tablets im Klassenzimmer auch Nachteile haben, zeigen internationale Untersuchungen. Laut PISA 2022 fühlen sich im OECD-Durchschnitt rund 30 Prozent der Schüler in den meisten oder allen Mathematikstunden durch digitale Geräte abgelenkt.
Gleichzeitig erzielten jene Schüler, die digitale Hilfsmittel täglich bis zu einer Stunde für schulische Zwecke verwendeten, im Schnitt bessere Mathematikergebnisse als jene, die darauf vollständig verzichteten. Ob die Gerätenutzung tatsächlich für die besseren Leistungen verantwortlich ist, lässt sich daraus allerdings nicht ableiten. Für SchuBu steht deshalb fest: Entscheidend ist, was Kinder am Bildschirm machen. Zwischen dem Scrollen durch soziale Medien und dem Bearbeiten interaktiver Lernaufgaben liegen große Unterschiede.
Dass Kinder besonders in der Volksschule mit der Hand schreiben, Bücher lesen und mit analogen Materialien arbeiten, hält auch SchuBu für sinnvoll. Selbst in höheren Schulstufen müsse nicht ständig ein Bildschirm eingeschaltet sein. Bei Diskussionen, längeren Schreibaufgaben oder Experimenten könne der klassische Unterricht Vorteile bieten.
Anders sieht es bei komplexen Themen aus. So könnten digitale Simulationen beispielsweise im Demokratieunterricht verdeutlichen, wie politische Entscheidungen zur Ausgrenzung bestimmter Bevölkerungsgruppen führen. Schüler erleben die Auswirkungen in einer virtuellen Umgebung und besprechen ihre Erfahrungen anschließend gemeinsam.
Ein weiteres Problem sieht der Bildungsanbieter beim Umgang mit dem Internet. Nur weil Kinder mit Smartphones aufwachsen, bedeutet das noch lange nicht, dass sie Fake News erkennen, vertrauenswürdige Quellen beurteilen oder ihre persönlichen Daten ausreichend schützen können.
Genau diese Fähigkeiten müssten Schulen gezielt vermitteln. SchuBu setzt dafür unter anderem auf Internet-Simulationen, in denen Schüler das Schreiben von E-Mails, die sichere Nutzung von Messenger-Diensten und den Umgang mit Falschinformationen üben können.
Die spätere Ausgabe von Tablets und Laptops allein werde laut SchuBu noch keinen besseren Unterricht garantieren. Vielmehr müssten Schulen überlegen, wann digitale Angebote tatsächlich einen Mehrwert bringen und wann klassische Lernmethoden sinnvoller sind.
"Wir sollten aufhören, den Fortschritt unseres Bildungssystems daran zu messen, wie viele Tablets in Klassenzimmern stehen – oder wie viele wir wieder daraus entfernen. Entscheidend ist, ob Kinder am Ende mehr verstehen, selbstständiger denken und Wissen kritisch hinterfragen können", so Beyer Klinkosch.