"Ich bin Jane Doe" – dieser Satz taucht derzeit tausendfach in sozialen Netzwerken auf. Frauen veröffentlichen Videos, Fotos und persönliche Geschichten und erklären unter dem Hashtag #IamJaneDoe, dass sie selbst "Jane Doe" seien. Dahinter steckt keine gemeinsame Identität, sondern eine Solidaritäts-Aktion: Die Frauen wollen eine junge Frau schützen, deren tatsächlicher Name nicht öffentlich werden soll.
"Jane Doe" ist in den USA ein gängiger Platzhalter für eine Frau, deren Identität anonym bleiben soll. Im aktuellen Fall geht es um eine ehemalige Studentin der Cornell University im Bundesstaat New York. Sie wirft sieben Mitgliedern einer Studentenverbindung vor, sie im Oktober 2024 sexuell missbraucht und vergewaltigt zu haben. Die Männer bestreiten die Vorwürfe.
Der Hashtag entstand, nachdem im Netz versucht worden war, die Identität der Klägerin herauszufinden. Ihr Anwalt Thomas Giuffra sagte, seine Mandantin stehe dadurch massiv unter Druck. Sie sei bedroht worden und auch andere Frauen seien bereits fälschlich für die Klägerin gehalten worden. "Sie steht in den sozialen Medien unter Beschuss", sagte Giuffra laut Reuters gegenüber CNN.
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Genau an diesem Punkt setzt die Solidaritätsaktion an. Wenn nicht eine einzelne Frau "Jane Doe" ist, sondern Tausende, wird es wesentlich schwieriger, die tatsächliche Klägerin anhand von Social-Media-Beiträgen zu identifizieren. Eine der Frauen hinter der Aktion ist die Autorin und Schauspielerin Twanna LaTrice Hill. Sie erklärte, sie wolle der Klägerin die Möglichkeit lassen, selbst zu entscheiden, ob und wann sie ihre Identität öffentlich macht.
Wenn sie das niemals tun wolle, sei das ebenfalls zu respektieren. Hill hat nach eigenen Angaben selbst als Jugendliche über eine Vergewaltigung gesprochen. Auch andere Teilnehmerinnen erzählen unter #IamJaneDoe von eigenen Erfahrungen mit sexueller Gewalt. Eine Frau aus San Diego berichtete beispielsweise von einer Vergewaltigung während ihrer Studienzeit. Sie sagt, Betroffene fühlten sich häufig wie auf einer Insel. Der Hashtag solle zeigen, dass sie mit ihren Erfahrungen nicht alleine seien.
Der Name wird zum gemeinsamen Symbol für Frauen, die sexuelle Gewalt erlebt haben oder sich mit Betroffenen solidarisieren. Auch auf TikTok verbreiteten sich entsprechende Videos. In einem vielfach angesehenen Beitrag erklärt eine Frau, sie sei ebenfalls "Jane Doe", bevor sie über eine eigene Erfahrung mit sexueller Gewalt berichtet. Andere Nutzerinnen schreiben lediglich den Hashtag oder veröffentlichen kurze Botschaften der Unterstützung.
Die Aktion richtet sich damit auch gegen sogenannte Doxxing-Versuche. Damit ist das gezielte Veröffentlichen persönlicher Informationen über eine Person im Internet gemeint, häufig gegen deren Willen. Im Cornell-Fall wurde laut Reuters versucht, den Namen der Klägerin öffentlich zu machen. Ein Kommentator veröffentlichte sogar einen Namen, den er für den der Frau hielt. Reuters konnte dessen Richtigkeit nicht bestätigen. Der Beitrag wurde später wieder gelöscht.
Für die Betroffene hat die Debatte laut ihrem Anwalt bereits Folgen. Neben der Belastung durch das Verfahren müsse sie sich auch mit Drohungen und der öffentlichen Suche nach ihrer Identität auseinandersetzen. Auch ihr Anwalt sei bedroht worden.
Der Cornell-Fall liefert den Auslöser für #IamJaneDoe, doch die Diskussion reicht inzwischen weit darüber hinaus. Viele Frauen nutzen den Hashtag, um über eigene Erlebnisse zu sprechen. Dabei geht es weniger um die sieben beschuldigten Männer als um die Frage, wie mit Frauen umgegangen wird, die sexuelle Gewalt melden.
Genau diesen Punkt betonen mehrere Teilnehmerinnen. Katy Jacobson, eine der Frauen hinter der Aktion, erklärte gegenüber Reuters, sie wolle mit ihren Beiträgen nicht über die beschuldigten Männer sprechen. Ihr gehe es um Jane Doe und darum, Betroffenen zu zeigen, dass sie nicht alleine seien.
Die Bewegung erinnert deshalb teilweise an #MeToo. Auch damals nutzten Frauen soziale Netzwerke, um individuelle Erfahrungen mit sexueller Belästigung und Gewalt öffentlich zu machen. Bei #IamJaneDoe kommt jedoch eine zweite Ebene hinzu: Die Teilnehmerinnen machen sich bewusst unter derselben anonymen Bezeichnung sichtbar, um eine andere Frau vor der Enttarnung zu schützen.
Der Effekt ist auch deshalb bemerkenswert, weil die Aktion das Prinzip der Anonymität umdreht. Normalerweise soll ein Pseudonym eine einzelne Person unsichtbar machen. In diesem Fall wird der Name von vielen Menschen übernommen, damit die gesuchte Person in der Menge nicht mehr eindeutig erkennbar ist.
Parallel zur Online-Bewegung wächst der Druck auf die Cornell University. Hunderte Studenten demonstrierten auf dem Campus und forderten eine unabhängige Untersuchung des Umgangs mit den Vorwürfen. Einige verlangten auch den Rücktritt von Universitätspräsident Michael Kotlikoff. Cornell hat das betreffende Kapitel der Studentenverbindung Chi Phi geschlossen und Maßnahmen gegen Studenten verhängt.
Die örtlichen Behörden hatten zunächst keine Strafanklage erhoben. Inzwischen wurden die Ermittlungen wieder aufgenommen. Die New Yorker Generalstaatsanwältin Letitia James wurde von Gouverneurin Kathy Hochul mit der Untersuchung beauftragt. Am Dienstag kündigte Cornell außerdem eine unabhängige Überprüfung an. Die ehemalige stellvertretende US-Justizministerin Sally Yates soll untersuchen, wie die Universität mit dem Fall umgegangen ist und welche Maßnahmen gegen sexuelle Gewalt künftig notwendig sind.
Was in jener Nacht im Oktober 2024 tatsächlich passiert ist, ist weiterhin Gegenstand von Ermittlungen und eines Zivilverfahrens. Die Vorwürfe gegen die sieben Männer sind nicht gerichtlich festgestellt, die Beschuldigten bestreiten sie.