"The Relic: First Guardian" ist ein Action-Rollenspiel mit Einflüssen koreanischer Folklore. Entwickelt wurde es von Project Cloud Games, im Mittelpunkt steht die semi-offene Welt Arsilthus. Du übernimmst die Rolle des First Guardian und erkundest eine düstere Fantasy-Welt, in der sich die Geschichte aus Gesprächen, Erinnerungen und den Geschichten ihrer Bewohner zusammensetzt. Die Grundidee funktioniert. Vor allem die sogenannten Brutals, mächtige Gegner mit eigener Geschichte, geben manchen Gebieten einen Hintergrund. Statt einfach nur einen weiteren Boss vor die Nase gesetzt zu bekommen, erfährst du teilweise, was hinter einer Figur und ihrem Schicksal steckt.
Die große Handlung konnte mich lange Zeit nicht wirklich fesseln, entwickelt sich aber nach und nach. Gerade am Anfang bleibt vieles vage. Wer aufmerksam erkundet und Gespräche sowie Hinweise mitnimmt, versteht deutlich mehr. Wer nur der Hauptquest folgt, bekommt von der Welt weniger mit. Die Nebenhandlungen sind deshalb teilweise interessanter als die zentrale Geschichte. Sie verbinden Orte, Bewohner und Gegner miteinander und geben der Erkundung einen konkreten Sinn. Eine Warnung vorweg: Das Spiel leidet noch unter einigen Bugs wie Rucklern und Kamera-Irrfahrten. Warum man das Spiel trotzdem im Auge haben sollte: Patches seit dem Start auf PC und PlayStation 5 verbessern das Game nach und nach.
Beim Kampfsystem geht "The Relic: First Guardian" einen etwas anderen Weg als viele vergleichbare Action-Rollenspiele. Deine normalen Angriffe verbrauchen keine Ausdauer. Die Ausdauer wird vor allem fürs Ausweichen und die Verteidigung verwendet. Spezialfähigkeiten haben wiederum Abklingzeiten und benötigen keine zusätzliche Ressource. Das fühlt sich zunächst ungewohnt an, funktioniert aber gut. Du kannst offensiv bleiben, ohne ständig auf eine leere Ausdauerleiste zu achten. Gleichzeitig musst du beim Ausweichen und Verteidigen genau überlegen, wann du reagieren willst. Je nach Waffe verändert sich das Spielgefühl. Schwert und Schild, schwere Zweihandwaffen, Dolche, Stäbe und Langschwerter gibt es.
Gerade bei stärkeren Gegnern lohnt es sich, die eigene Ausrüstung anzupassen. Das Spiel verzichtet außerdem auf ein klassisches Levelsystem. Statt ständig Erfahrungspunkte zu sammeln, entwickelst du deinen Charakter über Waffen, Rüstung, Runen und Relikte weiter. Die Relikte bringen passive Effekte mit. Insgesamt sind mehr als 70 unterschiedliche Effekte vorgesehen. Das System hat einen Vorteil: Neue Ausrüstung kann die eigene Spielweise tatsächlich verändern. Gleichzeitig braucht es etwas Zeit, bis man versteht, welche Kombinationen wirklich gut funktionieren. Die Brutals sind das Herzstück der Kämpfe. Laut Entwickler gibt es bis zu 80 unterschiedliche Bossgegner.
Viele dieser Gegner verlangen mehr als einfaches Draufschlagen. Erfolgreiches Parieren reduziert ihre Betäubungsleiste. Ist sie leer, entsteht eine Gelegenheit für stärkere Angriffe. Das funktioniert bei gut lesbaren Angriffen sehr ordentlich. Bei einigen Bossen muss man allerdings viele ähnliche Abläufe wiederholen. Manche Kämpfe bleiben dadurch lange im Gedächtnis, andere wirken eher wie Varianten bereits bekannter Begegnungen. Auch bei normalen Gegnern wiederholen sich bestimmte Muster. Wer mit dem Kampfsystem gut zurechtkommt, wird sich daran weniger stören. Wer Abwechslung erwartet, könnte dagegen irgendwann das Gefühl bekommen, immer wieder dasselbe zu tun. Die größte Schwäche ist für mich aber die Kamera.
Das fällt besonders bei Kämpfen in engen Bereichen auf. Wenn mehrere Gegner gleichzeitig angreifen oder sich der Kampf zwischen Wänden, Bäumen und anderen Hindernissen abspielt, verliert man schnell die Übersicht. Die Kamera kann dabei ungünstig an der Umgebung hängen bleiben oder den Blick auf den eigenen Charakter und den Gegner erschweren. Das wäre bei einem gewöhnlichen Actionspiel schon ärgerlich. Bei "The Relic: First Guardian" ist es aber ein echtes Problem, weil das Spiel Reaktion und Timing verlangt. Wenn du einen Angriff nicht siehst, kannst du ihn schwer parieren. Wenn der Gegner kurz aus dem Bild verschwindet, wird aus einem anspruchsvollen Kampf schnell ein frustrierender.
Die Entwickler haben nach dem Start bereits an diesem Bereich gearbeitet. Unter anderem wurde die Ausweichbewegung beim aktivierten Zielsystem angepasst. Sie orientiert sich nun stärker an der Kameraperspektive. Das verbessert das Spielgefühl, löst aber nicht jedes Problem. Die Kamera bleibt deshalb der Punkt, an dem ich mich am häufigsten über das Spiel geärgert habe. Immerhin gibt es aber die Hoffnung, dass auch dieses Problem wie so viele andere des Spiels noch behoben wird – der Wille der Entwickler dazu scheint gegeben zu sein. Die Spielwelt Arsilthus lädt indes zur Erkundung ein. Du findest Nebenaufgaben, Höhlen, Ausrüstung und zusätzliche Geschichten.
Die Welt ist semi-offen und bietet genug Raum, um vom direkten Weg abzuweichen. Allerdings ist nicht jeder Bereich gleich interessant. Zwischen wichtigen Orten liegen teilweise längere Abschnitte, in denen vor allem Gegner warten. Dadurch wirkt die Welt manchmal größer, als sie tatsächlich abwechslungsreich ist. Gerade nach mehreren Kämpfen gegen ähnliche Gegner entsteht das Gefühl, dass manche Wege vor allem dazu dienen, die Spielzeit zu verlängern. Die Entwickler haben inzwischen einige Komfortfunktionen verbessert. Händler und bestimmte Figuren lassen sich über zusätzliche Kartenmarkierungen leichter wiederfinden. Auch andere Probleme rund um Erkundung und Fortschritt wurden nach dem Start korrigiert.
Trotzdem bleibt die Welt in ihrer Qualität uneinheitlich. Es gibt stimmungsvolle Orte, aber auch Bereiche, die kaum im Gedächtnis bleiben. Die Atmosphäre gehört zu den stärkeren Seiten des Spiels. Dunkle Wälder, Ruinen, zerstörte Orte und verschiedene Wettereffekte passen zur Geschichte und zur düsteren Welt. Technisch ist das Bild allerdings nicht überall gleich sauber. Figuren wirken teilweise einfacher als die Umgebung. Manche Animationen sind wenig überzeugend, auch bei Gesprächen fehlt es stellenweise an Detail. Dazu kamen zum Start größere technische Probleme. Die Entwickler erklärten, dass große Dungeons teilweise nicht korrekt aus dem Speicher entfernt wurden.
Dadurch konnten sich im Laufe des Spiels Probleme ansammeln, die zu Einbrüchen bei der Bildrate, Schwierigkeiten beim Nachladen von Texturen sowie fehlerhaften Events und Boss-Auslösern führten. Seit dem Start wurden mehrere Updates veröffentlicht. Die Stabilität und Leistung wurden verbessert, Fehler bei Events und Bossen behoben und die Reaktion im Kampf angepasst. Auch Belohnungen und zusätzliche Materialien wurden verändert. Das ist wichtig, weil der aktuelle Zustand nicht mehr mit der ursprünglichen Version gleichgesetzt werden kann. Es wäre nun falsch zu behaupten, dass das Spiel eine solche Katastrophe wäre, wie es viele Testberichte zum Start nahelegten. Frei von Problemen ist es aber aktuell genauso wenig.
Bei der Spielzeit muss man je nach Geschick und Tempo mit rund 30 Stunden rechnen. Wie lange du tatsächlich brauchst, hängt davon ab, wie intensiv du erkundest und wie schnell du mit den Kämpfen zurechtkommst. Inhaltlich ist also genug vorhanden. Neben der Hauptgeschichte warten zahlreiche Nebenaufgaben, Gebiete, Ausrüstungsgegenstände und Brutals. Die entscheidende Frage ist eher, wie viel davon du wirklich erleben möchtest. Wer Freude daran hat, Waffen und Relikte auszuprobieren und neue Gegner zu lernen, bekommt in "The Relic: First Guardian" viel zu tun. Wer sich an ähnlichen Kämpfen und längeren Laufwegen stört, wird die Größe der Welt schneller als Belastung empfinden.
"The Relic: First Guardian" ist nach dem Start deutlich weiterentwickelt worden. Project Cloud Games hat selbst eingeräumt, dass die ursprüngliche Version nicht dem gewünschten Qualitätsstandard entsprach. Gleichzeitig wurde angekündigt, weiter an Stabilität, Balance und zusätzlichen Inhalten zu arbeiten. Das merkt man. Einige Fehler, die den Spielfortschritt verhindern konnten, sind inzwischen behoben. Auch technische Probleme wurden reduziert. Trotzdem ist das Spiel nicht vollständig frei von Schwächen. Die Entwickler sprechen davon, dass die Arbeiten nicht abgeschlossen sind. Künftige Updates sollen unter anderem Balance und Belohnungen verbessern sowie zusätzliche Events und Bossbegegnungen bringen.
"The Relic: First Guardian" hat eine Reihe guter Ideen. Das Kampfsystem spielt sich durch die ungewöhnliche Ausdauerverteilung anders als viele vergleichbare Spiele. Waffen, Runen und Relikte ermöglichen unterschiedliche Spielweisen. Die Brutals sorgen für regelmäßige große Kämpfe und einige davon erzählen tatsächlich interessante Geschichten. Aber das Spiel verschenkt Potenzial. Die Kamera stört genau dann, wenn Präzision gefragt ist. Gegner und bestimmte Kämpfe wiederholen sich. Die Welt ist groß, aber nicht jeder Abschnitt ist gleich interessant. Dazu kommen technische Schwächen, die auch nach mehreren Updates nicht vollständig verschwunden sind.
Trotzdem ist "The Relic: First Guardian" heute ein deutlich besseres Spiel als zum Start. Project Cloud Games hat bereits an wichtigen Problemen gearbeitet und angekündigt, weiter nachzubessern. Mein Eindruck bleibt deshalb gemischt: Wer harte Kämpfe, viele Bosse und eine düstere Fantasy-Welt sucht, findet hier einige interessante Ansätze. Wer dagegen ein technisch rundes Action-Rollenspiel erwartet, muss weiterhin Geduld mitbringen. Das größte Problem bleibt die Kamera. Bei einem Spiel, das so stark auf Reaktion und Timing setzt, darf die Perspektive nicht selbst zum Gegner werden. Aufgrund des Spiel-Grundgerüsts und der Bemühungen der Entwickler ist es aber auch ein Spiel, das eine zweite Chance verdient hat.