Creator-Plattformen wie OnlyFans und BestFans werden häufig auf nackte Haut reduziert. Doch wer mit Creatorinnen spricht, merkt schnell: Die Plattformen sind weniger Pornoseite als Beziehungsraum. Männer kommen wegen Erotik – bleiben aber aus ganz anderen Gründen. Das bestätigen zwei der bekanntesten deutschen Creatorinnen, Anne Wünsche und Mika Nox.
Anne Wünsche bringt es nüchtern auf den Punkt: "Der Unterschied zwischen einer Pornoseite und OnlyFans ist die Nähe zwischen Model und Fan. Die Männer schauen sich nicht nur das Material an, sondern wollen auch mit dir schreiben und Special Content haben, den nur sie bekommen."
Erotik sei wichtig, sagt sie – aber austauschbar. Was OnlyFans und BestFans einzigartig mache, sei die Interaktion. Männer wollen angesprochen, individuell behandelt werden, nicht einfach konsumieren.
Auch Mika Nox beobachtet genau das: "Rein expliziten Content kann man überall im Internet finden. Was den Unterschied macht, ist die persönliche Ebene – dass man gesehen wird, dass da echte Aufmerksamkeit ist."
Viele Gespräche drehen sich überraschend selten um Sex. Stattdessen geht es um Beziehungsprobleme, Einsamkeit, Selbstzweifel oder schlicht den Alltag. Oft geht es gar nicht um eine konkrete Anfrage", sagt Nox. "Sondern eher um: 'Sieh mich. Sei kurz da. Gib mir das Gefühl von echter Verbindung.'
Natürlich gibt es Fantasien – und ja, manche davon sind skurril. Anne Wünsche berichtet von Fetischen, die wenig mit klassischer Erotik zu tun haben: Kuschel-, Achseloder Kitzel-Fetische. "Da geht es oft gar nicht darum, viel zu zeigen. Beim Kuschel-Fetisch zum Beispiel eher darum, möglichst viel anzuhaben – ein Plüsch-Bademantel, ein dicker Pullover."
Besonders in Erinnerung geblieben sind ihr Anfragen rund um Luftballons: "Ein Fan wollte, dass ich mich in Dessous auf einen Luftballon setze und ihn zum Platzen bringe. Das ist für Außenstehende total absurd – für den Fan aber extrem aufgeladen."
Mika Nox kennt ähnliche Momente, in denen sie kurz innehält: "Es gibt Wünsche, die sehr spezifisch sind – Rollenspiele, Erniedrigungsfantasien oder sehr eigenwillige Szenarien. Da merkt man, wie breit das Spektrum menschlicher Bedürfnisse ist."
Beide betonen: Fantasien seien nicht per se problematisch. Entscheidend sei, dass alles einvernehmlich bleibt – und dass die Creatorin jederzeit Nein sagen kann.
Dass sich mit manchen Wünschen viel Geld verdienen ließe, ist kein Geheimnis. Trotzdem lehnen beide Creatorinnen regelmäßig Anfragen ab. "Geld ist nicht wichtiger als mein Bauchgefühl", sagt Mika Nox. "Sobald ich merke, ich fühle mich unwohl, breche ich ab. Es gab Anfragen, die sehr lukrativ gewesen wären – aber wenn es sich für mich nicht gut anfühlt, ist die Antwort Nein." Gerade diese klaren Grenzen seien wichtig, um die eigene Rolle nicht zu verlieren. OnlyFans sei Arbeit – aber keine Selbstaufgabe.
Fast alle erfolgreichen Creatorinnen bekommen früher oder später Date-Anfragen. Anne Wünsche ist hier eindeutig: "Alles, was auf dieser Plattform passiert, bleibt auf dieser Plattform. Treffen oder daten würde ich niemals einen Mann, der Content bei mir gekauft hat." Mika Nox sieht das differenzierter, aber vorsichtig:
"Mir wird das sehr oft vorgeschlagen. Gemacht habe ich es bisher nicht. Ich würde es nicht komplett ausschließen – aber nur, wenn es wirklich menschlich passt, auf Augenhöhe." Beide sind sich einig: Die Trennung zwischen Plattform und Privatleben ist essenziell – sonst kippt das Macht- und Erwartungsgefüge.
Anne Wünsche beschreibt ihre Tätigkeit daher als eine Art Beziehung auf Zeit und Distanz: "Auf OnlyFans und BestFans kreierst du einen Online-Girlfriend und baust eine Bindung zum Fan auf. Das ist Sex, Aufmerksamkeit und vor allem ein Safe Space für die Männer." Ein Raum, in dem Männer Wünsche äußern dürfen, ohne bewertet zu werden. In dem sie Nähe erleben, ohne die Risiken realer Beziehungen.
Mika Nox formuliert es so: "Viele suchen nicht nur Sex, sondern Geborgenheit, Bestätigung, das Gefühl, genug zu sein." Creator-Plattformen also weniger über weibliche Selbstdarstellung als über männliche Sehnsüchte. Über Einsamkeit, Kommunikationsmangel und den Wunsch nach Nähe in einer digitalisierten Welt. Erotik ist der Einstieg – aber nicht der Kern.
Oder, wie Mika Nox es zusammenfasst: "Sex spielt eine Rolle. Aber der eigentliche Unterschied zu normaler Internet-Erotik ist die menschliche Verbindung."