Starb an Hirnblutung

Toter Obdachloser – "Michi hatte nur noch 27 Grad"

Vor kurzem starben zwei Obdachlose in Wien. Einer davon – Michi C. (57) – war in seinem Grätzl sehr beliebt. "Heute" erzählt seine Geschichte.
Christine Ziechert
16.01.2026, 15:03
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Er war eine fixe Größe im Grätzl von Großjedlersdorf (Wien-Floridsdorf): Doch vergangenen Dienstag wurden in der Klinik Floridsdorf jene Geräte abgestellt, die Michi C. (57) am Leben hielten. Der Obdachlose wurde mit nur 27 Grad Körpertemperatur ins Spital eingeliefert, dort in ein künstliches Koma versetzt. Er starb aber nicht an den Folgen der Unterkühlung, sondern an einer Hirnblutung.

Hinter jedem einzelnen Obdachlosen steht eine Geschichte – und wie im Fall von Michi C. meist eine tragische. Wie "Heute" von einer Bekannten und Helferin des Obdachlosen erfuhr, gab sich der 57-Jährige die Schuld am Tod seines Sohnes: "Er hatte Zwillingssöhne. Einer davon hatte einen Asthma-Anfall und ist in der Donau ertrunken, als er 15 Jahre alt war. Ich glaube, das war der Grund, warum er dann so abgestürzt ist. Er fühlte sich dafür verantwortlich", berichtet Stefanie (Name geändert).

Schlafplatz bei einem großen Baumarkt

Die 37-Jährige kannte Michi seit rund fünf Jahren: "Ich habe dort gearbeitet, wo er seinen Stammplatz hatte. Er hat immer freundlich gegrüßt, irgendwann sind wir ins Gespräch gekommen. In der Mittagspause bin ich immer zu meiner Mama heim, die in der Nähe wohnt. Wir haben dann angefangen, ein bissl mehr zu kochen und ihm dann etwas zu essen mitgebracht", erzählt die gebürtige Wienerin.

Jeden Tag gegen 9 Uhr brachte Michi das Einkaufswagerl mit seinem Hab und Gut von seinem Schlafplatz in der Nähe eines großen Baumarktes zu dem kleinen Geschäfts- und Ärztezentrum an der Ecke Frauenstiftgasse und Brünner Straße: "Beim Baumarkt gibt es eine Bäckerei, das gibt es offenbar eine wärmere Stelle, dort hat er immer geschlafen", meint Stefanie.

"Michi hat immer andere beschenkt"

Als vor rund zwei Jahren sein Schlafsack kaputt war, sammelte die 37-Jährige gemeinsam mit Kollegen für einen neuen – Michi freute sich sehr darüber: "Er wurde leider auch immer wieder bestohlen. Sein Pass ist weg, dann wurden ihm auch noch seine warme Winterjacke und seine Winterstiefel gestohlen. Wir haben ihm dann eine neue Jacke gebracht", erzählt Stefanie.

Obwohl er selbst nichts hatte, habe Michi immer andere beschenkt: "Zu Silvester, als wir ihm die Jacke gebracht haben, hat er meine Tochter (8) und mich gefragt: 'Habt's ihr schon einen Glücksbringer von mir?' Meine Tochter hat sich dann ein Kleeblatt um 80 Cent ausgesucht, da hat er gemeint: 'Das kauf I dir ned, du brauchst was Größeres, das'd an mich denken kannst!' Meine Tochter hat sich dann für eine Schildkröte entschieden", erinnert sich die 37-Jährige.

Er verweigerte medizinische Hilfe

Trotz schwerer gesundheitlicher Probleme – Michi hatte bereits zwei Schlaganfälle – verweigerte der ehemalige Lkw-Fahrer jegliche medizinische Hilfe: "Er hatte wohl Angst und hat gemeint: 'Mir hilft keiner. Ich bin ja nicht versichert'."

Bereits am Freitag, 9. Jänner, plagten den 57-Jährigen jedoch starke Schmerzen in den Beinen: "Ich war an diesem Tag kurz in Wien, da ist er noch relativ normal gegangen. Er hat aber schon ganz komisch ausgeschaut", erklärt Stefanie, die in Niederösterreich lebt.

Nur noch 27 Grad Körpertemperatur

Samstagfrüh, gegen 5 Uhr, fand dann Stefanies Mutter den Obdachlosen im Geschäftscenter am Boden liegend: "Er hat noch gelebt, hat gemeint: 'Mir tut das so weh!' Aber er hat meine Mutter angebettelt, dass sie nicht die Rettung ruft, sogar geweint hat er. Sie hat sich aber große Sorgen um ihn gemacht."

Gegen 9.30 Uhr wurde das Kältetelefon und auch die Rettung angerufen – ein Rettungswagen kam, Michi weigerte sich jedoch mitzufahren: "Am Abend, so gegen 18.30 Uhr, wollte mein Vater dann noch nach ihm sehen. Die Caritas-Mitarbeiter und auch die Rettung waren da, aber es war schon zu spät. Michi hatte nur noch 27 Grad Körpertemperatur und war nicht mehr bei Bewusstsein."

Gehirnblutung als Todesursache

Der gebürtige Steirer oder Kärntner wurde in die Klinik Floridsdorf gebracht: "Dort wurde festgestellt, dass er eine inoperable Gehirnblutung hatte. Er wurde ins künstliche Koma versetzt, am Sonntag war er bereits hirntot", berichtet die 37-Jährige.

Caritas Kältetelefone

Wien: 01 / 480 45 53 - (0 bis 24 Uhr)

Traiskirchen (NÖ): 0664 / 780 66 270 - (18 bis 6 Uhr)

Burgenland: 0676 / 837 303 22 - (8 bis 22 Uhr)

Linz (OÖ): 0732 / 77 67 67560 - (Verein B37)

Steiermark: 0676 / 880 15 81 11 - (18 bis 24 Uhr)

Kärnten: 0463 / 39 60 60 - (18 bis 6 Uhr)

Salzburg: 0676 / 848 210 651 - (0 bis 24 Uhr)

Tirol: 0512 / 21 447 - (0 bis 24 Uhr)

Vorarlberg: 05522 / 200 12 00 - (18.30 bis 8 Uhr)

Am Dienstag, exakt um 12.44 Uhr, wurden dann die lebenserhaltenden Maschinen abgedreht, Michi für tot erklärt: "Er wird uns allen fehlen. Michi hat zum Grätzl gehört und wurde von vielen gemocht. Wir möchten unbedingt bei seiner Beerdigung dabei sein", trauert Stefanie um ihren Bekannten.

{title && {title} } cz, {title && {title} } Akt. 16.01.2026, 16:23, 16.01.2026, 15:03
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