Fassungslosigkeit und tiefe Trauer liegen in der eisigen Nacht über Crans-Montana. Am Donnerstagabend haben sich Hunderte Menschen im bekannten Schweizer Skiort versammelt, um der Opfer und Verletzten des schweren Brandes in der Silvesternacht zu gedenken. Viele legen Blumen nieder, andere zünden Kerzen an. Es ist still, die meisten sprechen nur im Flüsterton. Nur ein Generator bei den provisorischen Zelten ist zu hören. Viele der Anwesenden kennen Leute, die noch vermisst werden oder schwer verletzt im Spital liegen.
Mitten in der Silvesternacht, gegen 1.30 Uhr, ist in der beliebten und gut besuchten Bar "Le Constellation" plötzlich ein Feuer ausgebrochen. Rund 40 Menschen sind ums Leben gekommen, mehr als 100 wurden verletzt. Der Schweizer Präsident Guy Parmelin spricht von "einer der schlimmsten Tragödien, die unser Land erlebt hat".
"Ich war selbst nicht dort, aber ich hatte viele Freunde und Verwandte, die da waren", erzählt ein junger Trauernder, der nur seinen Nachnamen Orosstevic nennt. "Einige sind gestorben, andere sind im Krankenhaus. Etwa zehn", sagt er zur Nachrichtenagentur AFP. "Es waren hauptsächlich Freunde meiner Eltern, aber ich kenne sie sehr gut."
Rundherum nehmen sich Freunde in den Arm, manche schluchzen, viele sind am Ende ihrer Kräfte. Väter legen ihren Buben den Arm um die Schultern, Jugendliche halten sich fest, sobald sie Freunde entdecken. Es wird viel geweint, viele halten sich an den Händen.
"Mein Sohn hätte dort sein können. Er war nicht weit weg", sagt Paulo Martins. Der Franzose lebt schon seit 24 Jahren in der Gegend. "Er wollte eigentlich mit seiner Freundin dorthin gehen. Aber am Ende haben sie es nicht geschafft. Als er heimkam, war er völlig unter Schock."
Ein Freund seines 17-jährigen Sohnes wurde zur Behandlung nach Deutschland gebracht. Sein Körper ist zu 30 Prozent verbrannt.
Trauernde legen Blumen und Kerzen auf einen Tisch, der auf der Straße steht. Manche bringen eine einzelne Rose, andere einen großen Strauß. Bald ist kein Platz mehr am Tisch, deshalb stellen viele die Kerzen direkt auf den gefrorenen Boden. Der Bereich rund um die Bar ist mit weißen Vorhängen abgeschirmt, zwei Polizisten bewachen die Absperrung.
"Es gibt Tote und Verletzte, und jemand, der uns nahesteht, wird noch vermisst", sagt eine Frau, die anonym bleiben will. Noch gibt es keine Neuigkeiten. "Es waren junge Menschen. Menschen, die wir kannten", erzählt eine andere Frau, auch sie möchte ihren Namen nicht nennen.
Die Weihnachtsbeleuchtung funkelt noch über der Stadt im Süden der Schweiz. Viele Bars bleiben aus Respekt geschlossen. In einer Kirche wird für die Verstorbenen gebetet, Orgelmusik erfüllt den Raum. Danach versammeln sich die Menschen draußen, viele haben Tränen in den Augen, als sie langsam nach Hause gehen.
"Es waren viele Menschen da", berichtet der Kirchgänger Jean-Claude. "Es gab eine schöne Predigt über Hoffnung. Lasst uns wenigstens das haben: Hoffnung."
Ein junger Mann, der kaum sprechen kann vor Trauer, sagt: "Wir kannten einfach viele Freunde von Freunden, die dort waren." "Es hätte mein Sohn sein können", sagt die trauernde Mina mit Tränen in den Augen. "Es war nur Zufall, dass er gestern Abend nicht dort war", erzählt sie weiter. "Es gibt eine Kellnerin, die er kennt, sie bedient ihn immer, (...) und leider ist sie nicht mehr da."
Veronica, die schon seit 40 Jahren in Crans-Montana lebt, wischt sich die Tränen von den Wangen. "Der Schmerz anderer ist der Schmerz aller."