Ob am Donaukanal, am Karlsplatz oder rund um den Ring: Seit fünf Jahren sind die mobilen Awareness-Teams an Wiens beliebten Treffpunkten unterwegs. Sie helfen Menschen in schwierigen Situationen, schlichten Konflikte und unterstützen Betroffene von Gewalt und Diskriminierung.
Doch nach der heurigen Saison ist Schluss – zumindest mit der bisherigen Finanzierung durch die Stadt Wien. Die zuständige NEOS-Vizebürgermeisterin Bettina Emmerling streicht die Förderung ab 2027. Als Grund nennt ihr Büro die angespannte Budgetsituation.
Für den Verein "AwA* – Kollektiv für Awareness-Arbeit", der das Projekt seit 2021 organisiert, kommt die Entscheidung überraschend. Erst am 15. Oktober habe man vom Förderstopp erfahren. Insgesamt geht es um 246.000 Euro. Laut Verein verlieren dadurch drei fix angestellte sowie 21 saisonal beschäftigte Mitarbeiter ihre Jobs. Ein gleichwertiges Ersatzangebot gebe es nicht.
Bei einer Pressekonferenz sprachen Vereinsmitglieder nun von einem "fatalen Signal für die Sicherheit von Frauen und für Jugendschutz im Nachtleben". Denn Vorfälle in der Awareness-Arbeit würden zunehmen, erklärten sie. "Für uns als Verein ist das eine Katastrophe. Wir haben ein Büro für zwei Jahre bezogen, wir haben Angestellte, die nun ab Jänner ohne Job da stehen. Das Mindeste wären ein paar Monate Vorlaufzeit gewesen, damit wir uns Lösungen überlegen oder woanders um Förderungen bemühen können", so _willi Hejda von AwA*.
Wie groß der Bedarf an Unterstützung ist, zeigen die Zahlen der vergangenen Saison. Zwischen Mai und September 2026 führten die Awareness-Teams mehr als 16.800 Gespräche – rund 2.500 mehr als im Vorjahr. Etwa zwei Drittel davon entfielen auf Jugendliche und junge Erwachsene.
Besonders auffällig ist die Entwicklung bei sexualisierter Gewalt: Während die Teams 2025 noch 18 entsprechende Vorfälle dokumentierten, waren es heuer bereits 50. Hinzu kamen 116 Vorfälle im Zusammenhang mit psychosozialen Belastungen. Auch bei rassistischen und queerfeindlichen Übergriffen verzeichnete der Verein einen Anstieg.
Die Entscheidung sorgt auch politisch für Wirbel. Die Grünen werfen der Wiener Stadtregierung vor, ausgerechnet bei der Gewaltprävention den Sparstift anzusetzen. "Mehr als 16.800 Beratungsgespräche, zwei Drittel davon mit Jugendlichen und jungen Erwachsenen, Unterstützung bei 50 Fällen sexualisierter Gewalt und 116 Fällen psychosozialer Belastungen – und die rot-pinke Stadtregierung dreht den Geldhahn zu", kritisieren die Grüne Bundesfrauenvorsitzende Meri Disoski und die Wiener Grünen-Frauenvorsitzende Julia Malle.
Aus dem Büro von Vizebürgermeisterin Bettina Emmerling (NEOS) heißt es auf "Heute"-Anfrage, die Awareness-Teams hätten während der Pandemie wichtige Arbeit geleistet. Allerdings seien dabei auch Aufgaben übernommen worden, die nicht in den Zuständigkeitsbereich der Geschäftsgruppe fallen und sich nicht ausschließlich an Jugendliche richten.
"Die angespannte Budgetsituation der Stadt Wien lässt eine Finanzierung der Awareness-Teams ab 2027 nicht mehr zu", heißt es. Stattdessen wolle man andere Angebote absichern: "Unsere Priorität bleibt die Finanzierung der ganzjährigen Jugendarbeit, in den Parks, in den Jugendzentren und in den Grätzln."
Der Verein AwA* will die Entscheidung nicht einfach hinnehmen und hat eine Petition unter dem Motto "Gewaltschutz stärken statt kürzen" gestartet. Darin fordert er die Stadt Wien auf, die Förderung fortzusetzen und eine langfristige Finanzierung sicherzustellen.
Besonders bitter sei, dass die Stadt die Awareness-Arbeit in der Vergangenheit selbst als Vorzeigeprojekt hervorgehoben habe. Nun stehe das Angebot trotz steigender Nachfrage vor dem Aus. "Wir bitten die Politik noch einmal nachzudenken. Es ist uns bewusst, dass eine angespannte Budgetsituation herrscht. Wir haben uns bereits überlegt, wie wir mit etwas weniger Fördergeld auskommen können. Bevor etwas gekürzt oder gestrichen wird, kann man in einen Austausch gehen", appelliert Hejda an die Verantwortlichen.