Die Situation rund um die Suchthilfeeinrichtung Jedmayer am Gumpendorfer Gürtel beschäftigt Anrainer und Politik seit Jahren – wir berichteten. Erst kürzlich berichtete eine Anrainerin im Gespräch mit "Heute" von desaströsen Zuständen. Nun machen die ÖVP-Vertreter aus Mariahilf und Rudolfsheim-Fünfhaus mit einem Maßnahmenpaket Druck. Ihr Ziel: Die Suchthilfe soll stärker über ganz Wien verteilt, der Standort Jedmayer entlastet und die Sicherheit im öffentlichen Raum verbessert werden.
Im Mittelpunkt stehen acht Forderungen – vom Ausbau des Spritzentauschs in Apotheken über eine wohnortnahe Substitutionsbehandlung bis hin zu mehr Videoüberwachung und einer Verlängerung der Schutzzone rund um den Fritz-Imhoff-Park.
Laut den von der ÖVP angeführten Berichten der Suchthilfe Wien wurden 2025 beim Jedmayer insgesamt 179.986 Spritzentauschkontakte gezählt. Das sind 82,3 Prozent aller 218.741 dokumentierten Kontakte in ganz Wien. Zum Vergleich: 2020 waren es beim Jedmayer noch 128.279 – ein Anstieg um 40,3 Prozent in fünf Jahren.
Auch im Tageszentrum ist deutlich mehr los: Die Zahl der Kontakte schoss von 29.913 im Jahr 2020 auf 79.399 im Jahr 2025 hinauf – ein Plus von 165,4 Prozent. Für die ÖVP ist das ein klares Zeichen dafür, dass sich die Wiener Suchthilfe zu stark auf den Standort Jedmayer konzentriert.
Ein zentraler Punkt des Maßnahmenpakets betrifft die Verteilung des Spritzentauschs. Laut einer Standortliste des Wiener Sucht- und Drogenhilfenetzwerks vom 17. Juni 2026 bieten lediglich sechs Wiener Apotheken einen Spritzentausch an. Bei zuletzt 342 öffentlichen Apotheken in Wien entspricht das einem Anteil von weniger als zwei Prozent.
Die ÖVP fordert deshalb, den Spritzentausch in Apotheken deutlich auszubauen, zusätzliche wohnortnahe Rückgabemöglichkeiten zu schaffen und bestehende Einrichtungen des Sucht- und Drogenhilfenetzwerks stärker einzubinden. Auch die Zusammenarbeit mit der Wiener Apothekerkammer soll intensiviert werden.
Für Aufsehen sorgen auch die Zahlen zur Schutzzone rund um den Fritz-Imhoff-Park.: Seit 8. Mai 2026 gilt dort eine Schutzzone. Bis Ende August sprach die Polizei bereits 652 Betretungsverbote aus – das sind fast sechs pro Tag. 576 davon betrafen Personen mit Hauptwohnsitz in Wien, also 88,3 Prozent. Es handle sich also um ein "Wiener Problem", so die ÖVP.
Die Zahlen würden zeigen, wie wichtig die Schutzzone sei – und dass sie wirke. Allerdings könnte sich das Problem dadurch an die Außengrenzen verlagern, so die Befürchtung. Deshalb wird gefordert, die Schutzzone über den 8. November hinaus um weitere sechs Monate zu verlängern. Auch eine Ausweitung des Gebiets soll geprüft werden. Die verstärkte Polizeipräsenz rund um die U6-Station Gumpendorfer Straße soll ebenfalls bleiben.
Teil der Kritik ist auch die Entwicklung der Rettungseinsätze rund um den Jedmayer. Laut einer Anfragebeantwortung von Gesundheitsstadtrat Peter Hacker (SPÖ) vom 27. August stieg die Zahl der Einsätze im Bereich Gumpendorfer Gürtel 8 zwischen 2020 und 2025 von 122 auf 426. Das entspricht einem Plus von 249,2 Prozent. Die Zahl der Krankenhauseinlieferungen erhöhte sich im selben Zeitraum von 89 auf 334 – ein Anstieg um 275,3 Prozent. Beinahe täglich kam es 2025 demnach im Schnitt zu einer Einlieferung. Auch die Notarzteinsätze stiegen von neun auf 42.
Die ÖVP verlangt von der Stadt, die Ursachen für diese Entwicklung zu untersuchen und gezielte Maßnahmen zur Vermeidung von Überdosierungen und medizinischen Notfällen zu setzen. Gleichzeitig soll die medizinische und psychosoziale Versorgung stärker wohnortnah organisiert werden.
Auch rund um die U6-Station Gumpendorfer Straße soll sich einiges ändern. Die Zahlen zeigen: Zwischen Jänner 2023 und Mai 2026 wurden dort gleich 365 "sicherheitsrelevante Vorfälle" registriert. Rund 3.400 Stunden war der Sicherheitsdienst der Wiener Linien in diesem Zeitraum im Einsatz.
Für die ÖVP ist klar: Die Security soll dauerhaft vor Ort bleiben oder sogar verstärkt werden. Auch mehr Überwachungskameras sollen her – sowohl in der Station als auch auf dem Vorplatz Richtung Mariahilf. Videoaufnahmen sollen der Polizei bei Bedarf "rasch und rechtssicher" zur Verfügung gestellt werden.
Auch bei der Behandlung von Drogenabhängigen will die ÖVP ansetzen. Auffällig ist laut den vorgelegten Zahlen die Verteilung des Substitutionsmedikaments Compensan: Auf Mariahilf entfallen 46,3 Prozent des angeführten Wiener Gesamtwerts, auf Rudolfsheim-Fünfhaus weitere elf Prozent. Macht zusammen 57,3 Prozent.
Die ÖVP fordert deshalb, dass Suchtkranke künftig verstärkt in der Nähe ihres Wohnorts versorgt werden, statt für ihre Behandlung zu einzelnen Standorten fahren zu müssen. Substitutionsmittel sollen nur in dem Bezirk bezogen werden können, in dem die drogenkranke Person hauptgemeldet ist. Außerdem fordert man mehr sichere Entsorgungsmöglichkeiten für gebrauchte Spritzen, häufigere Reinigungen an Problemstellen und eine systematische Erfassung von Spritzenfunden im öffentlichen Raum.
Langfristig will die ÖVP die Wiener Sucht- und Drogenstrategie grundlegend überarbeiten. Die derzeitige Strategie wurde 2013 veröffentlicht und baut auf einem Drogenkonzept aus dem Jahr 1999 auf. Man wolle die Suchthilfe künftig besser über ganz Wien verteilen und den Spritzentausch flächendeckend anbieten. Außerdem soll es klare Qualitätsstandards und eine engere Zusammenarbeit zwischen Gesundheitsressort, Bezirken, Polizei und Wiener Linien geben.
"Die Polizei hat geliefert. 652 Betretungsverbote in weniger als vier Monaten zeigen, wie notwendig die Schutzzone ist", so Gerhard Hammerer, Klubobmann der ÖVP Mariahilf. "Aber eine Schutzzone kann nicht reparieren, was in der Wiener Drogenpolitik strukturell falsch läuft. Wenn 82 Prozent des Wiener Spritzentauschs beim Jedmayer stattfinden, Mariahilf fast fünfmal so viele Suchtmitteldelikte pro Einwohner wie der Wiener Durchschnitt verzeichnet und mehr als 43 Prozent der sichergestellten suchtgifthaltigen Medikamente auf nur zwei Bezirke entfallen, dann ist die Konzentration nicht mehr wegzudiskutieren."
Felix Ofner, Bezirksparteiobmann der ÖVP Rudolfsheim-Fünfhaus, betont, dass es nicht darum gehe, suchtkranke Menschen aus einzelnen Bezirken zu verdrängen: "Wir wollen die Hilfe besser organisieren. Es ist weder sozial noch vernünftig, einen derart großen Teil der Wiener Suchthilfe und die damit verbundenen Belastungen auf wenige Grätzel zu konzentrieren. Substitution, Spritzentausch und niederschwellige Angebote müssen wohnortnäher und fair über Wien verteilt werden. Die Menschen in Mariahilf und Rudolfsheim-Fünfhaus dürfen nicht länger die Folgen dieser einseitigen Konzentration tragen."