"Es ist unmöglich", klagt Sarah P. (Name geändert). Die 38-jährige lebt in der Wallgasse (Mariahilf), gegenüber des Suchthilfezentrums Jedmayr. Ihr Gebäude teilt sich einen Hof mit dem Zentrum, getrennt durch eine Wand.
Seit 13 Jahren wohnt die Wienerin hier, hat schon viel erlebt. Aber: "Ich finde, es hat sich seit Corona verschlimmert", sagt sie und schildert ihren Alltag im Gespräch mit "Heute": "Egal wo ich hinschaue sitzen Menschengruppen, die sich etwas Spritzen, Drogen nehmen. Jeden Tag sind Polizei und Rettung hier, die Straße wird als Toilette genutzt. Der Garten ist voll Dreck und Spritzen."
In den vergangenen Jahren habe sie viel gesehen und erlebt, das sie nachhaltig geprägt hat, so die Wienerin: "Ich wohne alleine im ersten Stock, kann von hier aus viel sehen. Sie streiten, haben Sex, koten auf die Straße. Wenn ich mein Fenster in der Früh öffne, riecht es nach Fäkalien. Die Telefonzellen werden als Privatraum für Drogenkonsum genutzt." Auch zu brenzligen Situationen sei es schon häufig gekommen: "Wie oft habe ich nachts die Rettung gerufen, weil ich nicht wusste, ob die Person am Boden lebt oder tot ist. Wenn ich anrufe fragen sie nur, ob ich in der Wallgasse wohne und wissen dann schon Bescheid."
Unter die Angst mische sich jedoch auch Empathie, so Sarah P. "Es ist eine Sucht. Ich bin auch immer nett zu ihnen. Die Leute sind nicht aggressiv, sie haben keine Energie und sind müde. Es sind Zombies." 2018 durchlebte die junge Frau selbst eine psychische Krise, fiel in eine tiefe Depression. "Ich war nicht so stabil und bin hier zu einer Ärztin gegangen. Doch am Eingang zur Praxis hatte jemand mit Blut ein Gesicht gezeichnet. Das jeden Tag zu sehen hat mich fertig gemacht", erzählt sie.
Seit Kurzem hat die 38-jährige einen Hund und ist deshalb noch häufiger draußen unterwegs, berichtet sie – umso mehr fallen ihr die Probleme auf. "Ich habe so viel Empathie aber hier verliert man sie. Ich verstehe, dass es dieses Zentrum braucht, aber warum mitten in der Stadt und noch dazu hier, wo es viele Kinder und einen Kindergarten gibt?"
Zu Bleiben ist dauerhaft keine Option, trotz Bemühen der Bewohner. "Wir haben uns als Gebäude beschwert, aber es ist nichts passiert." Mittlerweile lebt die 38-jährige zuhause in Angst. "Sie waren im Keller, haben die Tür kaputt gemacht und Kleidung und Nadeln reingeschmissen, gepinkelt. Ich traue mich nicht mehr rein", sagt sie. "Außerdem klopfen sie nachts an die Türen. Ich habe gedacht, ich sterbe vor Angst, hatte Panik, ich bin ja auch alleine." Mittlerweile mache sie sich auch Sorgen, dass Leute sie erkennen – denn es ist nicht das erste Mal, dass Sarah die Polizei rufen musste.
Das Suchthilfezentrum an der U6-Station Gumpendorfer Straße ist seit jeher umstritten. Die sozialmedizinische Beratungsstelle hilft Menschen, die regelmäßig Suchtmittel konsumieren. Erst kürzlich schlug die ÖVP Alarm – die Rettungseinsätze würden in die Höhe schnellen, "Heute" berichtete. Die Freiheitlichen sehen die Verlegung des "Jedmayer"an den Stadtrand als einzige nachhaltige Lösung. Die Stadt reagierte im Mai mit der Einrichtung einer Schutzzone sowie einem verstärkten Einsatz von Sicherheitsmitarbeitern.
Für Sarah P. hat sich die Situation bislang nicht verändert. Sie ist nun auf Wohnungssuche, doch diese gestaltet sich schwierig. "Ich habe eine große Wohnung, die nicht allzu teuer ist und würde gerne im Bezirk bleiben, weil ich hier mein Umfeld, meine Freunde habe. Etwas vergleichbares zu finden wird schwierig."