Eigentlich müsste bei England alles in Ordnung sein. Mit dem Krimi-2:1 gegen Norwegen gelang der Sprung in das Halbfinale, der Traum vom zweiten WM-Titel lebt größer als je zuvor. Dennoch gibt es dicke Luft zwischen Coach Thomas Tuchel und Superstar Jude Bellingham. Der Zwist nach dem Spiel gegen die Schweiz hat aber eine Vorgeschichte.
Doch der Reihe nach: Nachdem Bellingham England gegen die Schweiz mit zwei Toren ins Halbfinale geschossen hatte, kritisierte Tuchel nach Schlusspfiff sein Team.
Der Deutsche sei nach eigenen Aussagen "überhaupt nicht zufrieden" mit der Leistung seiner Mannschaft gewesen. "Wir waren zu ungenau, haben viele technische Fehler gemacht, waren nicht schnell genug und haben unsere Abläufe nicht konsequent genug umgesetzt. Heute hatten wir das nötige Glück", sagte der 52-Jährige.
Diese Tadelung nach einem Gewaltakt über 120 Minuten mit tropischer Hitze gefiel Bellingham gar nicht.
"Vielleicht weiß er nicht, wie es ist, unter diesen Bedingungen gegen Erling Haaland, Martin Ödegaard, Antonio Nusa und Alexander Sörloth zu spielen", sagte der Doppeltorschütze Richtung Tuchel. Man könne nicht jedes Spiel gewinnen, "indem man den Ball herumspielt und 1000 Pässe spielt – manchmal muss man auch mit harten Mitteln gewinnen, und genau das haben wir heute getan."
Kapitän Harry Kane schaltete sich am nächsten Tag in die Debatte ein, schlichtete, um ja keine Unruhe vor dem Halbfinale gegen Argentinien aufkommen zu lassen.
"Der Trainer versucht, das Beste aus uns herauszuholen und wir wissen, dass wir noch ein Level besser spielen können. Wir haben das gegen Norwegen nur in Ansätzen gezeigt", meinte der Torjäger, der mit Bellingham bei je sechs WM-Treffern hält.
Zuvor hatte Tuchel bei der Pressekonferenz nach dem Spiel schon zu Relativieren versucht.
Der Trainer betonte, dass es kein Problem mit der Mannschaft gebe und er sich von Herzen gefreut habe. "Aber in meinem Kopf bin ich auch immer Fußball-Trainer", sagte er. Und als dieser habe er Dinge gesehen, "wo wir uns das Leben unnötig schwer gemacht haben."
Das hat der England-Teamchef aber schon vor rund einem Jahr getan, als er mit einer unglücklichen Aussage über Bellingham aufhorchen ließ.
In einem Interview hatte er gemeint, dass unter anderem seine Mutter einige Aktionen Bellinghams auf dem Platz nicht mag. Dabei benutzte er das Wort "repulsive", das so viel wie abscheulich oder widerlich bedeutet. Tuchel entschuldigte sich danach für die Wortwahl. Doch bei seinem Offensiv-Star könnte was hängen geblieben sein. Zumal Tuchel ihn im vergangenen Herbst zweitweise aus dem Kader gestrichen hatte, auch ab und zu öffentliche Zweifel geäußert hatte, ob es Bellingham überhaupt in die England-Startelf schaffen würde.
Bei der WM bisher unterstrich Bellingham seinen Wert für das Team – und zeigte auch, dass er sich von Tuchel nichts gefallen lässt.