Eine Fahrt im Camper, eine unbekannte Straße und plötzlich schauen Zehntausende Menschen zu. Was früher nur mit Freunden oder Familie geteilt wurde, wird heute zum öffentlichen Erlebnis: Reisen finden immer öfter live im Internet statt. Beim sogenannten IRL-Streaming nehmen Creator ihre Community direkt mit auf ihre Erlebnisse – ohne fertigen Film, ohne aufwendigen Schnitt und mit allen kleinen Überraschungen, die unterwegs passieren.
Ein Beispiel dafür ist ein Roadtrip von München nach Italien. Die beiden Freunde und Streamer Zarbex und Schradin sitzen gemeinsam im Camper und lassen ihre Zuschauerinnen und Zuschauer über einen Livestream an der Reise teilhaben. Zeitweise verfolgen mehr als 40.000 Menschen gleichzeitig, was unterwegs passiert. Über den Chat können sie reagieren, Fragen stellen und die Reise aktiv begleiten.
Der Trend zeigt, dass sich die Art, wie viele Menschen Inhalte im Internet konsumieren, verändert. Statt nur fertige Videos anzusehen, wollen Zuschauer zunehmend näher am Geschehen sein. Sie erleben Situationen in Echtzeit und bekommen nicht nur die schönen Momente einer Reise zu sehen, sondern auch das, was normalerweise hinter den Kulissen bleibt.
Genau darin liegt für viele der Reiz des IRL-Streamings. Während klassische Reisevideos oft sorgfältig geplant und geschnitten sind, lebt das Live-Format von spontanen Situationen. Eine unerwartete Panne, eine falsche Abzweigung oder Schwierigkeiten bei der Verständigung in einem anderen Land werden nicht herausgeschnitten, sondern gehören zum Erlebnis dazu.
Für Zuschauer entsteht dadurch ein Gefühl, selbst ein Stück weit mit unterwegs zu sein. Wer gerade nicht verreisen kann, bekommt die Möglichkeit, zumindest virtuell neue Orte zu entdecken. Der Bildschirm wird dabei zum Fenster in andere Länder, Städte und Alltagssituationen.
Besonders wichtig ist die direkte Verbindung zwischen Streamern und Publikum. Über den Live-Chat können Zuschauer unmittelbar reagieren, Vorschläge machen oder Fragen stellen. Dadurch entsteht ein Austausch, der bei klassischen Reiseformaten meist nicht möglich ist.
Dass diese Form der Unterhaltung wächst, zeigen auch die Zahlen von Twitch. Die Plattform verzeichnete in der DACH-Region bei der Kategorie für IRL-Streaming ein Wachstum von 66 Prozent im Vergleich zum Vorjahr.
Raphael Arnold-Hallbauer, Managing Director von Twitch Deutschland, erklärt den Wandel beim Medienkonsum: "70 Prozent unserer Nutzer:innen in Deutschland sind zwischen 16 und 34 Jahren alt. Der Medienkonsum dieser Altersgruppe wandelt sich vom passiven Konsum hin zur aktiven Mitgestaltung authentischer Live-Erlebnisse. IRL-Streaming ist die logische Konsequenz dieses Wandels. Die gemeinsame Erfahrung in Echtzeit und die Nähe zu den Creators stärken die die Bindung innerhalb der Community. Zuschauer:innen werden dabei zum Co-Creator und Reisebegleiter."
Gerade die jüngeren Nutzerinnen und Nutzer suchen offenbar häufiger nach Formaten, bei denen sie nicht nur zuschauen, sondern Teil einer Gemeinschaft werden können. Die Grenze zwischen Publikum und Beteiligten wird dadurch kleiner.
IRL-Streaming beschränkt sich dabei nicht nur auf klassische Urlaubsreisen. Die Inhalte reichen von Outdoor-Abenteuern über Städte-Trips bis hin zu Einblicken in den normalen Alltag von Creators. Auch andere bekannte Streamer setzen auf das Format. Die ehemalige Top-Spielerin Naguura, die aus der Gaming-Szene bekannt ist und 419.000 Follower hat, tauscht für eine mehrwöchige Fahrradtour durch Europa den Computerplatz gegen den Fahrradsattel und berichtet live von ihrer Reise.
Ein weiteres Beispiel ist ein Camper-Roadtrip Richtung Oslo. Die Streamerinnen Anaaja mit 103.000 Followern, minuself mit 61.000 Followern und sawlties mit 104.000 Followern nehmen ihre Community mit auf die Fahrt nach Skandinavien. Auch die Streamerin Zarah zeigt ihren Alltag unterwegs. Mit 20.000 Followern berichtet sie von ihrer Europareise und gibt Einblicke in ihr Leben als digitale Nomadin, aktuell aus den Straßen von Neapel.