Die Ukraine stellt sich auf einen neuen massiven russischen Angriff ein. Präsident Wolodymyr Selenskyj sagte am Dienstagabend in seiner Videoansprache, aktuelle Informationen der ukrainischen Geheimdienste würden darauf hindeuten, dass Russland eine große Attacke vorbereite.
"Es liegen aktuelle Geheimdienstinformationen vor, die darauf hindeuten, dass Russland einen massiven Angriff vorbereitet", sagte Selenskyj laut Reuters. Die ukrainischen Sicherheitsdienste und die Luftwaffe seien bereit, darauf zu reagieren. Welche Ziele Russland konkret angreifen könnte und wann eine Attacke erfolgen könnte, nannte der Präsident nicht.
Die Angaben lassen sich derzeit nicht unabhängig überprüfen. Auch die russische Regierung bestätigte die von Selenskyj behaupteten Vorbereitungen nicht.
Die Warnung kommt nach einer der bisher umfangreichsten ukrainischen Drohnenattacken auf die Region rund um die russische Hauptstadt. Moskaus Bürgermeister Sergej Sobjanin sprach von rund 650 Drohnen, die in der Nacht auf die Region zugesteuert seien. Nach russischen Angaben wurde der Großteil abgefangen.
In der Region Moskau wurden nach Angaben des Gouverneurs Andrej Worobjow zwei Menschen getötet und mehrere weitere verletzt. Russische Behörden meldeten Schäden und Brände. Die Angaben zu den Folgen des Angriffs stammen von russischer Seite und sind nicht in allen Punkten unabhängig überprüft.
Damit nimmt der gegenseitige Einsatz von Drohnen gegen Ziele weit hinter der Front weiter zu. Während Russland regelmäßig ukrainische Städte und Infrastruktur mit Drohnen und Raketen angreift, setzt die Ukraine zunehmend auf weitreichende Drohnenangriffe auf russisches Gebiet.
Parallel verstärken mehrere europäische Staaten ihre Luftverteidigung an der NATO-Ostflanke. Schweden will ab Dezember eine Patriot-Luftabwehreinheit nach Polen verlegen. Sie soll gemeinsam mit rund 100 schwedischen Soldaten den NATO-Logistikknotenpunkt zum Schutz der Transporte in die Ukraine absichern.
Der Standort bei Rzeszów ist für die Unterstützung der Ukraine besonders wichtig. Über den polnischen Logistikknoten werden militärische und zivile Hilfsgüter in Richtung Ukraine transportiert.
Schweden beteiligt sich bereits mit Gripen-Kampfjets an der NATO-Luftverteidigungsmission zum Schutz des Logistikzentrums. Die Patriot-Einheit soll ab Dezember eine niederländische Einheit ablösen. Wie viele Patriot-Systeme Schweden konkret einsetzen wird, wurde zunächst nicht bekannt gegeben.
Russland griff unterdessen nach eigenen Angaben erneut Infrastruktur in der ukrainischen Hauptstadt an. Die staatliche russische Nachrichtenagentur Tass berichtete unter Berufung auf das Verteidigungsministerium über einen Drohnenangriff auf die Nordbrücke in Kiew.
Russland bezeichnete die Brücke als Transportweg für Militärpersonal. Die ukrainische Seite machte zunächst keine entsprechenden Angaben.
Die Angriffe auf Infrastruktur sind Teil einer zunehmenden Konzentration auf Verkehrs- und Versorgungseinrichtungen. Selenskyj hatte bereits in den vergangenen Tagen vor einer russischen Strategie gewarnt, mit Angriffen auf Infrastruktur den Druck auf ukrainische Städte zu erhöhen. Reuters berichtete zuletzt zudem über ukrainische Angaben zu einer veränderten russischen Luftangriffsstrategie.
Auch zwischen Russland und Deutschland verschärft sich der Ton. Moskau wies die Warnung von BND-Chef Martin Jäger zurück. Jäger hatte erklärt, Deutschland sei in Gefahr, in einen direkten gewaltsamen Konflikt mit Russland zu geraten.
Das russische Präsidialamt bezeichnete die Äußerungen als unbegründet und warf dem deutschen Geheimdienstchef vor, damit höhere Verteidigungsausgaben rechtfertigen zu wollen. Moskau wiederum beschuldigt westliche Staaten, einen zunehmenden "Schattenkrieg" gegen Russland zu führen.
Die Entwicklungen zeigen, wie angespannt die Sicherheitslage in Europa derzeit ist. Ob und wann der von Selenskyj angekündigte massive russische Angriff tatsächlich erfolgt, ist derzeit offen.