Diese grausame Kriegstaktik soll Putin den Sieg bringen

Rund um Bachmut werden täglich zehntausende Artilleriegranaten verschossen.
Rund um Bachmut werden täglich zehntausende Artilleriegranaten verschossen.Roman Chop / AP / picturedesk.com
Die russische Armee intensiviert ihre Offensive gegen die Stadt Bachmut. Dabei kennen Putins Kommandeure keine Rücksicht auf Verluste.

Die seit Monaten andauernde Schlacht um Bachmut im Osten der Ukraine erinnert mehr und mehr an die erschütternden Bilder aus dem Ersten Weltkrieg. Die Schützengräben sind voll Schlamm, zehntausende Artilleriegranaten verwandeln das Schlachtfeld in eine Kraterlandschaft. "Wie Verdun 1916", beschreibt Gardekommandant Oberst Markus Reisner die "apokalyptischen Bilder".

Die ehemals rund 70.000 Seelen zählende Kleinstadt rund 50 Kilometer nördlich der Separatisten-Hochburg Donezk ist von strategischer Bedeutung für beide Seiten. Sie versperrt den Russen einen Vormarsch auf Kramatorsk und Sloviansk, die beiden größten Städte im noch ukrainischen Teil des Oblast Donezk. Es ist der einzige Weg für Putins Truppen, denn der Versuch, die Städte aus dem Norden anzugreifen, konnte durch die erfolgreiche Gegenoffensive und die Befreiung von Lyman Anfang Oktober vereitelt werden.

Wladimir Putin muss durch Bachmut, oder er läuft in Gefahr, eines seiner elementarsten Kriegsziele, nämlich die Eroberung des Donbass, nicht zu erreichen. Zusätzlich zu den Söldnern der Gruppe Wagner lässt der Kreml-Despot nun auch die nach dem Cherson-Rückzug freigewordenen Reste der Elite-Einheiten der Luftlandekräfte, ergänzt um mobilisierte Reservisten und sogar ehemalige Gefängnis-Insassen, dort an die Front werfen.

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Das im wahrsten Sinne des Wortes. In der Schlacht um Bachmut soll der neue Invasions-Befehlshaber Sergej "General Armageddon" Surowikin jetzt eine besonders grausame und blutige Taktik anwenden: "Die Russen werfen Männer nach vorn, das sind quasi menschliche Wellenangriffe", beschreibt der britische Militär-Experte Michael Clarke das Vorgehen gegenüber "Sky News" – und das ohne Rücksicht auf die horrenden Verluste wie auch "Focus" berichtet.

Mobilisierte sterben zuerst

Dabei gebe es eine festgelegte Reihenfolge: "Sie haben Kriminelle an der Front, Leute, die sie aus den Gefängnissen geholt haben, dann mobilisierte Truppen hinter ihnen und dann folgen die regulären Truppen hinter ihnen", so Clarke weiter. Die vordersten Männer müssten zu Fuß, die seit dem Beginn des Donbass-Konflikts 2014 von den Ukrainern errichteten Verteidigungsanlagen aus Minenfeldern, Panzergräben und MG-Stellungen stürmen. Begleitet werden sie dabei vom Trommelfeuer der Artillerie.

Bei diesen "intensivsten Kämpfe, seit Beginn des Krieges" würden täglich Hunderte ums Leben kommen. Die Russen "verlieren sieben- oder achthundert pro Tag. Und die Ukrainer verlieren auch eine ganze Reihe von Truppen, aber weniger als das", meint der Militär-Experte im Sky-Interview.

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Auch das lässt wieder Erinnerungen an die sinnlosen Sturmangriffe von Schützengraben zu Schützengraben an der Westfront des Ersten Weltkriegs wachwerden, wo unzählige Soldaten direkt in das MG-Feuer des verschanzten Feindes laufen mussten.

"Vorwärts oder du stirbst"

Doch was machen die angeblich anwesenden Elitetruppen und Berufssoldaten der russischen Armee derweil? Diese würden laut Clarke erst in dritter Reihe kämpfen, um die Verluste unter ihnen zu begrenzen. Sie hätten aber noch eine menschenverachtende andere Aufgabe als sogenannte "Sperrtruppen":

"Ihre Aufgabe ist es, auf jeden zu schießen, der sich zurückzieht, also ist die Idee, du gehst vorwärts oder du stirbst", schildert der Brite den Horror in dem sich die mobilisierten Männer Russland nun wiederfinden. Er prophezeit der russischen Armeeführung und dem Kreml: "Sie können diese Verluste nicht aufrechterhalten, selbst wenn sie diese nicht wertschätzen".

Gefährliche "Grabenfüße"

Als wären die Kämpfe alleine noch nicht schlimm genug, nehmen die Berichte von potenziell tödlichen Erkrankungen an der Front jetzt in der nassen Übergangszeit vor dem Winter immer mehr zu. Kälte, Wasser und Schlamm füllen die Schützengräben. Das lässt auch eine oft vergessene Krankheit wieder umgehen. Die kämpfenden Männer leiden immer mehr unter sogenannten "Grabenfüßen".

Durch anhaltende Nässe und Kälte werden die Extremitäten aufgeweicht und die Haut beginnt einzureißen, was schließlich das Eindringen von Pilzen, Bakterien und anderen Schadstoffen in tiefere Hautschichten ermöglicht. Das kann unbehandelt schnell zum Absterben der Füße und sogar tödlichem Organversagen führen. 

Unbekannter französischer Soldat mit "Grabenfuß" im Ersten Weltkrieg, 1917.
Unbekannter französischer Soldat mit "Grabenfuß" im Ersten Weltkrieg, 1917.Wikimedia/LAC/BAC, gemeinfrei

Die Behandlung ist je nach Stadium sehr schwierig. Ist die Haut noch intakt, können äußerliche Anwendungen mit antibakteriellen oder Antimykotika noch helfen. Ist der Befall aber bereits tiefer, kamen selbst später dann im Zweiten Weltkrieg nur noch Amputationen und Transplantationen in Frage.

Vorbeugen kann man nur durch Trockenhalten der Füße durch etwa dem Ausziehen der Stiefel für mindestens zehn Stunden – etwas, das im Kampfgeschehen oft nicht möglich ist. 

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