Die 1,5-Grad-Grenze galt lange als entscheidende Linie im Kampf gegen die Klimakrise. Nun wird immer klarer: Die Welt dürfte diese Marke überschreiten. Wie das Umweltprogramm der Vereinten Nationen in seinem neuen Bericht "Limiting Overshoot" festhält, gilt ein Überschreiten von 1,5 Grad unter aktuellen politischen Entwicklungen inzwischen als kaum vermeidbar.
Gemeint ist damit aber kein einzelner Moment, sondern ein ganzer Pfad. Die Erderhitzung steigt über 1,5 Grad, erreicht einen Höhepunkt und soll danach wieder sinken. Der Bericht nennt das einen "Overshoot"-Pfad. Entscheidend ist dabei, wie hoch die Temperatur steigt und wie lange sie über der Marke bleibt.
Die Warnung ist deutlich: Je höher der Gipfel der Erwärmung, desto größer die Risiken für Menschen, Wirtschaft, Gesellschaften und Ökosysteme. Je länger die Überschreitung dauert, desto wahrscheinlicher werden irreversible Kipppunkte und Grenzen der Anpassung.
Schon 2024 lag die globale Durchschnittstemperatur in einem Kalenderjahr erstmals mehr als 1,5 Grad über dem vorindustriellen Niveau. Klimawandel wird wissenschaftlich zwar über längere Zeiträume bewertet, doch das Signal sei klar: Die Welt bewegt sich auf eine wärmere Zukunft zu. Werden alle Klimazusagen und bestehenden Maßnahmen umgesetzt, wird die Erwärmung laut der vorliegenden Darstellung mindestens 1,8 Grad erreichen.
Ein Überschreiten der Marke bedeute dennoch nicht, dass das Ziel aufgegeben werden darf. Im Gegenteil: Der Bericht betont, dass die Erwärmung so niedrig und so kurz wie möglich gehalten werden muss. Schnelle und dauerhafte Emissionssenkungen bleiben damit die zentrale Aufgabe.
Dazu kommt: Anpassung und Klimaschutz dürfen nicht getrennt gedacht werden. Wer heute in Schutz vor Hitze, Dürren, Extremwetter und anderen Folgen investiert, erhält auch künftige Handlungsspielräume. Gleichzeitig bestimmt jede vermiedene Tonne Treibhausgas, wie groß die Risiken überhaupt werden.
Auch CO2-Entnahme aus der Atmosphäre spielt laut Bericht eine Rolle, ist aber kein Wundermittel. Klassische Ansätze wie Aufforstung und Bodenmanagement brauchen Fläche und bieten keine absolute Sicherheit, weil Hitze, Dürre oder Brände gespeicherten Kohlenstoff wieder freisetzen können. Neue technische Verfahren sind teuer und noch nicht ausreichend erprobt.
Besonders brisant: Selbst, wenn Temperaturen später wieder sinken, kehrt die Welt nicht einfach zum alten Zustand zurück. Meeresspiegel, Eisschilde, Ökosysteme, Artenvielfalt, Wasser- und Ernährungssysteme reagieren langsam und unterschiedlich. Manche Schäden könnten lange nachwirken oder unumkehrbar sein.
"Das Klimasystem verhält sich wie ein riesiger Heizkessel. Durch die Reduzierung der Emissionen wird die Flamme gedämpft; durch das Erreichen der Netto-Null-Bilanz wird die Erwärmung nicht weiter verstärkt. Die bereits gespeicherte Wärme verschwindet jedoch nicht", konstatiert Mirey Atallah, Leiterin des Bereichs Anpassung und Resilienz bei UNEP.
Sie bringt es so auf den Punkt: "Entscheidungen, Wissenschaft und vor allem Denkweisen müssen sich dahin verschieben, 1,5 Grad als ein Ziel zu sehen, dem wir uns von oben statt von unten nähern." Die Überschreitung sei deshalb keinesfalls ein Freibrief zum Aufgeben!
Die zentrale Botschaft des Berichts bleibt damit trotz düsterer Aussichten eindeutig: "Jeder vermiedene Bruchteil eines Grades verringert die Risiken. Jedes Jahr, um das die Dauer der Überschreitung verkürzt wird, verringert das Risiko. Jede Investition in die Widerstandsfähigkeit sichert zukünftige Handlungsmöglichkeiten".