Erst enorme Hitze, dann Starkregen und zahlreiche Murenabgänge: Der Sommer zeigt in Tirol, wie rasch Extremwetter zur Belastungsprobe werden kann. Für Meteorologe und Klima-Experte Andreas Jäger ist das kein gewöhnlicher Ausreißer mehr.
"Nein, einen so heißen Juni hat es vor der Jahrtausendwende nicht gegeben", hält Jäger gegenüber der Tiroler Versicherung V.a.G. fest. Zusammen mit der Hitzewelle 2015 sei das "die drückendste Hitzeperiode mit den höchsten Temperaturen", die man je erlebt habe. Mehr als die Hälfte der Wetterstationen hätten Hitzerekorde gemeldet, auch in Tirol.
Jäger formuliert seine Warnung auch im Talk mit "Tirol TV" drastisch: "Das ist vermutlich der kälteste Sommer der nächsten 300 Jahre." Gemeint ist: Das aktuelle Niveau bei Hitze, schweren Gewittern und Extremwetter werde nicht einfach wieder verschwinden. "Der Klimawandel ist nicht erfunden, sondern knallharte Physik."
Aus seiner Sicht ist die Entwicklung bereits im Alltag angekommen. "Wir haben jetzt gerade eine unglaubliche Hitzewelle und wir haben schwere Murenabgänge", sagt Jäger. Das Bewusstsein für die Klimaveränderung sei dadurch zwar wieder gewachsen, doch in den vergangenen Monaten seien andere Krisen für viele Menschen im Vordergrund gestanden. Seine Warnung: "[Das Problem] lässt sich nicht zweitrangig machen auf Dauer."
Besonders deutlich beschreibt Jäger den Wandel bei Wasser und Landwirtschaft. Früher sei das Klima stark von Kälte geprägt gewesen. Das Problem sei lange gewesen, dass es zu kalt war. Inzwischen sei es warm genug für Wachstum - aber Wasser werde zur entscheidenden Frage.
Ein wichtiger Punkt ist für ihn der fehlende Schnee. Schnee baue Grundwasser besonders effektiv auf, weil er langsam schmilzt und in den Boden einsickern kann. "Das haben wir nicht mehr", sagt Jäger. Wasserknappheit sei deshalb ein riesiges Problem.
Die Landwirtschaft werde sich anpassen müssen, etwa durch ganzjährige Bodenbedeckung und andere Formen der Bearbeitung. Sein Fazit: "Wir haben wirklich eine dramatische Klimaänderung. Wir werden uns komplett umstellen müssen. Diese Art zu ackern, das geht nicht mehr."
Warum trotzdem zu wenig passiert? Jäger sieht den Grund in der Bequemlichkeit. Klimaschutz bedeute, die eigene Komfortzone zu verlassen. Dabei werde oft übersehen, dass am Ende ein besseres Leben für Menschen und Natur stehen könne.
Im Alltag sieht er viele Möglichkeiten: mehr Radfahren, öfter zu Fuß gehen, weniger Fleisch essen, auf Flüge verzichten oder Fast Fashion widerstehen. Gerade bei billiger Kleidung verweist er auf Giftstoffe und unmenschliche Arbeitsbedingungen. Jägers Botschaft: "Wir haben viel mehr Wirkmächtigkeit als wir glauben!"
Dem Argument, Europa könne angesichts der CO2-Emissionen in den USA und Asien ohnehin nichts verändern, widerspricht Jäger klar. China tue aus seiner Sicht bereits sehr viel und sei bei der Energiewende ein Vorreiter. Außerdem zahle fast alles, was für Klimaschutz getan werde, auf Unabhängigkeit, Widerstandskraft und die Stärkung der Region ein.
Entwarnung gibt der Klima-Experte nicht: "Grundsätzlich haben wir die Berganfahrt nicht hinter uns. Wir sind noch nicht bereit, global und als Gesellschaft zu bremsen. Solange wir das nicht machen, geht es noch aufwärts."
Das Sommer-Niveau mit Hitze und schweren Gewittern werde bleiben. Für Jäger geht es daher nicht mehr darum, alles rückgängig zu machen. "Es geht nur noch darum, diesen Anstieg zu bremsen, dass wir mal ein Plateau erreichen. Wir werden mit dem, was wir jetzt haben, auf jeden Fall leben müssen."