"Im Vorfeld der angekündigten Hitzewelle gab es wirklich lustige Postings, da habe ich wirklich sehr lachen müssen", plaudert TV-Meteorologe Andreas Jäger in seinem jüngsten Videobeitrag munter los. Doch schon bald ändert sich sein Tonfall: Eine anderen Art von Social-Media-Beiträgen sorgt bei ihm für Fassungslosigkeit.
Konkretes Beispiel, das regelmäßig die Runde macht, ist eine Schlagzeile der deutschen "Bild"-Zeitung vom 5. August 1975: "37 Grad! Es bleibt so heiß", heißt es da. Darunter findet sich ein einschlägiger Kommentar: "Der Klimawandel war noch nicht erfunden und Greta war noch nicht geboren. CO2 war einfach ein Bestandteil der Atemluft. Damals hat man sich darauf gefreut. 🙂 Und jetzt machen sie immer nur Panik 🙃".
"Dieses Posting kommt harmlos und lustig daher, ist aber einfach nur dumm", urteilt Jäger mit Blick auf die historische Hitzewelle, die quer durch Europa neue Rekorde aufgestellt hat.
"Bachläufe trocknen aus, Küken stürzen sich aus den Nestern, weil sie sonst vor Hitze sterben. In den Spitälern hat es teilweise 40 Grad...", holte der Fachmann aus und fragt sich, wieso also würde man so ein Meme-Bildchen weiterleiten?
Er sieht nur zwei Möglichkeiten: "Erstens, man hat den Klimawandel verstanden und weiß sehr genau, was da für ein Unsinn steht, aber man ist einfach nur bösartig."
Oder zweitens: "Man hat's nicht verstanden. Dann muss man sich den Vorwurf gefallen lassen, dass man im Leninschen Sinne ein 'nützlicher Idiot' der fossilen Lobby ist. Die können dann gut lachen", donnert Jäger. Nachsatz: "Tut mir leid, ist so."
Die gezeigte "Bild"-Schlagzeile ist prinzipiell echt, auch wenn das Cover sonst manipuliert wurde. Mit einer nackten Frau am echten Titelbild könnte es aber heute wohl kaum auf Facebook und Co. verbreitet.
Im August 1975 war es in Deutschland tatsächlich außergewöhnlich heiß. Die Schlagzeile wurde inmitten einer der klassischen Hochsommer-Hitzephasen, auch "Hundstage" genannt, gedruckt.
Die 37 Grad gab es allerdings nie – zumindest nicht an einer offiziellen, geeichten Messstation. Die Höchsttemperatur im gesamten August 1975 in der damaligen Bundesrepublik betrug laut dem Archiv des Deutschen Wetterdienstes 35,2 Grad.
Können Hitzetage in den 1970ern also ein Beweis, gegen die Erderwärmung sein? Nein.
Viel wichtiger als einzelne Rekorde ist aber der Langzeittrend; und der ist eindeutig: die Zahl der jährlichen Hitzetage nimmt zu. Überall. Sommer wie damals, wo 30 Grad und mehr noch wirklich eine Seltenheit waren, gibt es nicht mehr.
Ein kleines Beispiel liefert – unabhängig von Jägers Beitrag – auch ORF-Meteorloge Marcus Wadsak. Am letzten Tag der aktuellen Hitzewelle zeigten die Thermometer in Wien schon um 9 Uhr 30 Grad.
Der Wetter-Fachmann, macht deutlich, was das für eine Veränderung zu früher ist: "Das ist eine Temperatur, die in meiner Kindheit in Wien nur an manchen Tagen im Sommer überhaupt erreicht wurde. Ich habe sogar 1975 einen Sommer erlebt, da gab's überhaupt kein einziges Mal 30 Grad in Wien."