Die historische Hitzewelle in Europa hat auch an der Schweizer Landesgrenze nicht halt gemacht. Besonders der Westen und Norden unseres Nachbarlandes sind betroffen. "Weil die Hitzehauptströmung über Frankreich verläuft", erklärt Wetterexperte Jörg Kachelmann (67).
In einem Interview mit dem "Tagesanzeiger" stellt er aber auch klar: Es sei reiner Zufall, dass es Zürich und das Mittelland nicht noch heftiger erwischt habe. Sonst würden auch hier 40 Grad "locker" erreicht. Die aktuelle Hitzewelle sei durch ihr frühes Auftreten im Juni und ihre lange Dauer jedenfalls "extrem außergewöhnlich".
Für Kachelmann ist diese Entwicklung aber kein Rätsel, sondern eine Katastrophe mit Anlauf: "Dass der Klimawandel Heftigkeit und Häufigkeit von Hitzewellen steigert, belegen die Statistiken eindeutig. Die Temperaturkurve geht kontinuierlich nach oben." Das sei "weder überraschend noch unerwartet". Man habe genau gewusst, dass es so kommen werde.
Besonders drastisch fällt seine Einschätzung aus, wenn es um mögliche Extremwerte geht. "Man muss dabei berücksichtigen, dass auch die Meere extrem warm sind". Vor Bordeaux würden aktuell bis zu 26 Grad Wassertemperatur gemessen – fast zehn Grad über dem Durchschnitt. "Das ist beispiellos".
Kommt die Luft von dort, fiebert Südwestfrankreich auf 40 Grad hoch. "Verschiebt sich dieses Szenario mit den Heißluftmassen nur ein paar Hundert Kilometer nach Osten, erreichen wir in der Schweiz 45 Grad. Und wenn der Klimawandel ungebremst weitergeht, wird es über 45 Grad hinausgehen."
Die Folgen sieht Kachelmann nicht nur bei den Menschen, sondern auch in der Natur. Die Geschwindigkeit des Temperaturanstiegs überfordere die Vegetation völlig. Wälder und Pflanzen seien an solche Hitze nicht gewöhnt. Dazu komme trotz Gewittern ein massives Dürreproblem im Mittelland, besonders bei Feldfrüchten und großen Äckern. Und: die Gletscher verschwinden.
Hoffnung auf eine Lösung hat Kachelmann keine mehr. "Die Menschheit wird an der Lösung des Problems Klimawandel scheitern, davon bin ich fest überzeugt." Wenn gerade keine akute Hitzewelle herrsche, trete die globale Erwärmung wieder völlig in den Hintergrund. "Es interessiert keine Sau und klickt in den Medien auch nicht mehr gut – obwohl wir Jahrhundert-Rekorde brechen", sagt er.
In der scheinbaren Machtlosigkeit einzelner Menschen oder kleinerer Staaten, global etwas zu verändern, sieht er einen Hauptgrund in der Resignation. "Das ändert aber nichts daran, dass wir ein gigantisches globales Experiment betreiben, mit einer beängstigenden Geschwindigkeit und völlig ungewissem Ausgang."
Noch schärfer wird Kachelmann bei Klimaleugnern in sozialen Medien. Diskussionen mit ihnen hält er für sinnlos. "Ich erkläre es einmal, zweimal. Und dann gebe ich auf. Ich werde 68. Und altersmilde. [...] Daher beleidige ich Klimaleugner nur noch routinemäßig mit dem Satz: 'Sie sind zu dumm, deutsch und rechts für diesen Dialog.'"
Auch bei der Wissenschaft sieht er einen dramatischen Vertrauensverlust. Früher habe es beim Impfen einen breiten Konsens gegeben. Heute sei Impfskepsis Alltag. "Die Schwurbelisierung der Schweiz macht große Fortschritte." Mit Menschen, die sich auf Telegram oder in einschlägigen Medien informierten, wissenschaftliche Fakten ablehnten und Homöopathie nähmen, könne man keine globale Bedrohung solidarisch bekämpfen.
Er selbst hat die Entwicklungen und Gefahren des Klimawandels seit Jahrzehnten auf allen Ebenen deutlich gemacht: "Wir probieren neben der wissenschaftlichen Arbeit alles, damit am Schluss niemand behaupten kann: Das hat uns leider niemand gesagt. Aber viele Leute sind inzwischen einfach unerreichbar."
"Heute verzage ich manchmal wegen dieser Entwicklung", schildert Kachelmann. Er müsse dann immer an die Inschrift über dem Eingang zu Dantes Hölle denken: "Lasst alle Hoffnung fahren, die ihr eintretet."