Erreichen zentrale Erdsysteme sogenannte Kipp-Punkte, könnte sich die Erderwärmung selbst verstärken - und kaum noch aufzuhalten sein. Eine neue Studie im Fachblatt "One Earth" legt nun nahe, dass die Menschheit diesen kritischen Schwellen womöglich näher ist als bisher angenommen. Die Forscher warnen vor einem möglichen "Heißzeit"-Szenario mit ausgeprägtem Treibhausklima.
An der Studie beteiligt war auch Hans Joachim Schellnhuber, Generaldirektor des "Internationalen Instituts für Angewandte Systemanalyse" (IIASA) in Laxenburg bei Wien. Ebenfalls mit an Bord: Johan Rockström, Direktor des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung.
Die Problematik der ungebremsten Erderwärmung: Sind bestimmte Kipp-Punkte erst überschritten, setzen Rückkopplungs-Prozesse ein, die sich selbst verstärken. Selbst massive Anstrengungen zur Reduktion von Treibhausgasen könnten diese Entwicklung dann kaum noch bremsen.
Zu den drohenden Folgen zählen das Abschmelzen der Eisschilde in Grönland und der Antarktis, was den Meeresspiegel um mehrere Meter steigen lassen würde. Auch das Auftauen großer Permafrostflächen birgt Gefahr, weil dabei gespeicherte Treibhausgase freigesetzt werden.
Das weitere Schrumpfen der Regenwälder destabilisiert zusätzlich das Klima. Und ein mögliches Abreißen des Golfstroms hätte massive Auswirkungen auf Europa, wo er bisher für vergleichsweise milde Temperaturen sorgt.
Die Forscher erinnern daran, wie wichtig die klimatische Stabilität für die Menschheit war. Seit über 11.000 Jahren bewegte sich das Klima in einem relativ stabilen Bereich - Grundlage für Landwirtschaft und komplexe Gesellschaften. Doch seit der industriellen Revolution und dem massiven Verbrennen fossiler Brennstoffe gerät dieses Gleichgewicht ins Wanken.
Brisant: Seit zwölf Monaten liegt die globale Durchschnittstemperatur im Mittel rund 1,5 Grad über dem vorindustriellen Niveau - jenem Wert, den das Pariser Klimaabkommen eigentlich nicht dauerhaft überschreiten wollte.
Die Folgen spüren wir schon jetzt: mehr Hitzewellen, Dürren, Starkregen, aber auch Kältewellen und Waldbrände. Haupttreiber bleiben die steigenden Treibhausgaskonzentrationen. Laut den Forschern sind die globalen Temperaturen derzeit so hoch wie seit 125.000 Jahren nicht mehr.
Rockström spricht von einer "beschleunigten Erwärmung", die auf eine sinkende Widerstandsfähigkeit des Planeten hindeute. Rückkopplungseffekte könnten das System weiter in Richtung Instabilität treiben - bis zu einer "Heißzeit".
Für Schellnhuber ist klar: Der Klimawandel ist längst kein fernes Umweltproblem mehr, sondern eine "tiefgreifende systemische Gefahr". Neben einer raschen Senkung der Emissionen brauche es auch ein gezieltes Monitoring möglicher Kipp-Punkte, um ein unumkehrbares Abrutschen in ein extremes Treibhausklima zu verhindern.