Wer derzeit am Ufer des Zürichsees unterwegs ist, merkt schnell: Es riecht nach Algen und Moder. Der Pegelstand ist auf 405,27 Meter über dem Meeresspiegel gefallen – ein Rekordtief. Das sorgt in Stäfa für ein seltenes Schauspiel: Nach über 70 Jahren ist die Stäfa-Insel wieder begehbar.
Viele nutzen die Gelegenheit und statten der Insel einen Besuch ab. "Wir sind mit dem Stand-up-Paddel gekommen und haben Champagner sowie Magenbrot vom Kirtag am letzten Wochenende mitgebracht", erzählt Conny (54) aus Stäfa im Gespräch mit "20 Minuten". Gemeinsam mit Harry (67) stößt sie an.
"Seit ich hier lebe, habe ich noch nie gesehen, dass die Insel begehbar ist", sagt Harry. Die Insel sei bereits im August aufgetaucht, "im September wurde sie Tag für Tag größer. Sonst steht das Wasser normalerweise bis zu meinem Knie."
Mittlerweile hat dort jemand sogar Tisch, Sessel und eine Grillschale aufgestellt. "Es ist wirklich schön hier, richtig zum Genießen", meint Harry weiter. Durch den extrem niedrigen Wasserstand werden auch die Markierungen am Stäfa-Stein wieder sichtbar. Die letzte stammt aus dem Jahr 1909 und ist jetzt erstmals wieder komplett zu sehen.
Die langanhaltende Trockenheit und das Niedrigwasser am Zürichsee haben aber auch Schattenseiten. Weil das Wasser immer weiter zurückgeht, wird der Höhenunterschied zwischen Landungsstegen und Schiffen größer. Die Zürichsee-Schifffahrtsgesellschaft (ZSG) hat deshalb den Shuttle-Betrieb zwischen Pfäffikon und der Insel Ufenau vorerst eingestellt.
"Durch den sinkenden Wasserstand werden die Einstiegswinkel an zahlreichen Anlegestellen immer steiler. Dadurch kann die Sicherheit beim Ein- und Aussteigen nicht mehr an allen Anlegestellen gewährleistet werden", informiert die Gemeinde Freienbach auf ihrer Webseite.
Auch für Bootsfahrer wird es zäh. Roland (62) und Markus (61) aus Wollerau wollten in Stäfa einkehren, doch beim Aussteigen im Hafen mussten sie klettern. "Wir wollten mal schauen, ob im Kanton Zürich der Wasserstand auch so tief ist wie in Schwyz", sagt Roland. Markus ergänzt: "Auch beim Einwassern gibt es Probleme, weil die Rampe einfach nicht so weit reicht."
Die Segler aus Stäfa machen sich bereits Sorgen: Sollte der Wasserstand noch weiter sinken, können sie ihre Boote nicht mehr aus dem Wasser holen, da die Seile des Hafenkrans zu kurz werden. Michael Aeppli (72) aus Stäfa hat zwar einen Bojen-Anlegeplatz und noch kein Problem, sein Kiel berührt noch nicht den Grund. "Aber jetzt wollen alle Bootsbesitzer auswassern, weil die Seile des Krans langsam zu kurz werden, deshalb müssen alle 'fürschi' machen."