Prozess in Wien

"Verrückte Augen": Opernsänger erkennt Angreifer wieder

Vor 13 Jahren wurde ein ukrainischer Opernsänger mitten in Wien niedergestochen. Der mutmaßliche Täter (41) stellte sich Ende 2025 selbst der Polizei.
05.11.2026, 06:15
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Spektakuläre Wendung in einem 13 Jahre alten Kriminalfall: Ein 41-jähriger Akademiker musste sich am Wiener Landesgericht wegen einer Messer-Attacke auf einen damals 27-jährigen Opernsänger verantworten. Der Mann soll den Künstler am 9. Mai 2013 vor dem Justizministerium niedergestochen und dabei lebensgefährlich verletzt haben.

Jahrelang blieb die brutale Attacke ungeklärt. Erst am 31. Dezember 2025 kam Bewegung in den Fall. Ein damals 40-Jähriger erschien bei der Polizei und legte eine zehnseitige "Selbstanzeige" vor. Darin behauptete er, gleich mehrere schwere Verbrechen begangen zu haben – darunter auch den Messerangriff auf den Opernsänger.

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Angeklagter hat paranoide Schizophrenie

Doch ausgerechnet dieses Geständnis könnte auf einer psychischen Erkrankung beruhen. Der Mann leidet laut einem psychiatrischen Gutachten an paranoider Schizophrenie. Zum Tatzeitpunkt soll er zurechnungsunfähig gewesen sein.

Die Staatsanwaltschaft geht zwar davon aus, dass der Angreifer den Sänger vorsätzlich töten wollte. Aufgrund der angenommenen Zurechnungsunfähigkeit beantragte sie jedoch statt eines Strafverfahrens wegen versuchten Mordes die Unterbringung des 41-Jährigen in einem forensisch-therapeutischen Zentrum.

Vor Geständnis Medikamente abgesetzt

Vor Gericht erklärte der 41-Jährige, dass er seit Jahren an einer Erkrankung aus dem schizophrenen Formenkreis leide. Ende 2025 habe er seine Medikamente wegen unerwünschter Nebenwirkungen abgesetzt.

Daraufhin seien seine Wahrnehmungsstörungen zurückgekehrt. "Ich habe mich verfolgt gefühlt", schilderte er. Als er schließlich zur Polizei ging, sei er in einem psychotischen Zustand gewesen. "Ich war schwer psychotisch." Ob seine damaligen Angaben tatsächlich der Wahrheit entsprechen, könne er selbst nicht beurteilen. "Ich weiß nicht, ob das Einbildung war von mir", erklärte der Mann.

Sänger brach nach Angriff zusammen

In seiner schriftlichen Selbstanzeige hatte er unter anderem behauptet, vom US-Geheimdienst beobachtet, von "Kristallinen" überwacht und beim Duschen gefilmt zu werden. Auch das Opfer sagte vor Gericht aus. Der Sänger, der heute in Deutschland lebt, war im Mai 2013 für ein Vorsingen nach Wien gekommen.

Nach einem Abendessen mit seiner Agentin war er nachts auf dem Weg zurück ins Hotel, als ihn plötzlich ein Unbekannter auf Englisch ansprach. "Er hatte ein Messer in der Hand und hat mir in den Bauch geschlagen. Meine erste Reaktion war, ich wollte schnell ins Hotel laufen. Dann habe ich meine Kraft verloren und bin zusammengebrochen", schilderte der Künstler die dramatischen Sekunden.

Opernsänger erinnert sich an "verrückte Augen"

Passanten eilten ihm zu Hilfe und alarmierten die Rettung. Der Sänger musste zehn Tage im Krankenhaus behandelt werden. Die Klinge hatte seine Milz verletzt und eine Blutung in der Bauchhöhle ausgelöst. Eine deutlich sichtbare Narbe erinnert ihn bis heute an die Attacke.

Besonders ein Merkmal des Angreifers ist dem Künstler in Erinnerung geblieben. Dieser habe "verrückte Augen" gehabt, berichtete er. Auf Wunsch des Sängers musste der 41-Jährige während dessen Zeugenaussage zunächst den Gerichtssaal verlassen. Anschließend kam es auf Initiative der Richterin doch noch zu einer kurzen Gegenüberstellung.

Opfer erkennt mutmaßlichen Täter wieder

Der Künstler musterte den mutmaßlichen Angreifer und erklärte schließlich, er sei "fast sicher", dass es sich um den Mann von damals handle. "Ich kann Ja sagen. Aber es war vor 13 Jahren", schränkte er seine Aussage ein.

Der Verteidiger des 41-Jährigen zweifelt unterdessen an der Zuverlässigkeit des Geständnisses. Er verwies darauf, dass auf der Lederjacke des Opfers nach der Tat DNA-Spuren gesichert worden waren, die bisher nicht ausgewertet worden seien. "Wenn man einen Abgleich hat, muss man sich nicht auf ein wahnhaftes Geständnis verlassen", argumentierte der Anwalt und beantragte eine entsprechende Untersuchung.

Prozess auf Jänner vertagt

Das Gericht gab dem Antrag statt. Die gesicherten Spuren sollen nun mit der DNA des 41-Jährigen verglichen werden. Der Prozess wurde deshalb auf den 12. Jänner 2027 vertagt. Bis dahin bleibt der Mann in vorläufiger Unterbringung in der Justizanstalt Josefstadt.

red, 05.11.2026, 06:15