Spiele-Test

Viel Risiko, wenig Vergebung – "Marathon" im Test

"Destiny"-Macher Bungie wagt ein Experiment. Der neue Shooter "Marathon" ist intensiv, schwierig und nicht für jeden gemacht.
Rene Findenig
20.03.2026, 08:37
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Mit "Marathon" (PC, PlayStation 5, Xbox Series X|S) wagt Bungie einen Schritt, der für viele überraschend kommt. Statt eines klassischen Story-Shooters bekommst du ein Spiel, das auf Risiko, Verlust und Anspannung setzt. Du startest als sogenannter Runner auf einer verlassen wirkenden Karte. Dein Ziel ist klar: Ausrüstung sammeln und lebend wieder rauskommen. Doch zwischen dir und dem Ausgang stehen nicht nur computergesteuerte Gegner, sondern vor allem andere Spieler. Jeder von ihnen verfolgt das gleiche Ziel wie du. Genau das macht jede Partie unberechenbar und sorgt dafür, dass sich keine Runde wie die andere anfühlt. Schon nach wenigen Minuten wird deutlich, dass "Marathon" dich nicht schonen will.

Es gibt keine lange Einführung, keine sichere Lernphase, wenig wird erklärt. Du wirst ins kalte Wasser geworfen. Fehler gehören hier zum Konzept, und du wirst viele davon machen. Das Spiel verlangt Aufmerksamkeit und Geduld von der ersten Minute an. Der Einstieg ist hart und manchmal frustrierend, gerade zu Beginn fühlt sich "Marathon" sperrig an. Du verlierst schnell deine Ausrüstung, verstehst oft nicht sofort, warum du gescheitert bist, und musst dich wieder von vorne hocharbeiten. Das Spiel erklärt zwar die wichtigsten Mechaniken, doch vieles musst du dir selbst erschließen. Das kann motivierend sein, wenn du gerne lernst und dich verbessern willst. Es kann aber auch abschreckend wirken. Denn Fortschritt ist nicht garantiert.

Bungie setzt bewusst auf ein System, das dich fordert

Eine gute Runde kann durch einen kleinen Fehler komplett zunichtegemacht werden. Dieses Gefühl begleitet dich durch viele Partien. Diese Härte ist kein Zufall. Bungie setzt bewusst auf ein System, das dich fordert. Du sollst vorsichtig spielen, Risiken abwägen und aus jeder Niederlage etwas mitnehmen. Doch genau hier liegt auch das Problem: Nicht jeder hat die Geduld dafür, und nicht jeder wird bereit sein, sich so stark auf das Spiel einzulassen. So streng "Marathon" auch ist, es gibt Momente, in denen das Spiel seine ganze Stärke zeigt. Wenn du wertvolle Beute gesammelt hast und dich auf den Weg zum Ausgang machst, steigt die Spannung spürbar. Jeder Schritt kann entscheidend sein, jeder Fehler alles zerstören.

Du hörst Geräusche in der Ferne, bist dir nie sicher, ob sich ein Gegner nähert. Entscheidungen müssen schnell getroffen werden. Kämpfen oder fliehen? Risiko eingehen oder absichern? Diese Situationen sorgen für einen Nervenkitzel, den viele andere Shooter so nicht bieten. Das liegt auch am Spielgefühl. Die Steuerung ist direkt, die Waffen reagieren präzise. Jeder Treffer fühlt sich klar an. Hier zeigt sich die Erfahrung von Bungie, die bereits in früheren Spielen bewiesen haben, wie wichtig ein sauberes Gunplay ist. Ein entscheidender Punkt in "Marathon" ist der Umgang mit Verlust. Stirbst du, verlierst du in der Regel alles, was du bei dir trägst. Das macht jede Entscheidung wichtig, kann aber auch frustrierend sein.

Kein Held, du bist nur ein Teil eines größeren Systems

Wenn du lange gespielt hast, gute Ausrüstung gefunden hast und dann kurz vor dem Ziel scheiterst, fühlt sich das hart an. Manche Spieler werden genau diese Konsequenz schätzen, weil sie für echte Spannung sorgt. Andere werden sich daran stoßen, weil Fortschritt dadurch oft wieder zunichtegemacht wird. Das Spiel lebt von diesem Risiko. Ohne die Gefahr, alles zu verlieren, würde ein großer Teil der Spannung wegfallen. Doch es bleibt ein schmaler Grat zwischen Herausforderung und Frust, den "Marathon" nicht immer perfekt trifft. "Marathon" erzählt auch seine Geschichte nicht auf klassische Weise. Es gibt keine langen Zwischensequenzen oder klaren Erzählstränge. Stattdessen setzt das Spiel auf Andeutungen.

Du bist kein Held, der die Welt rettet. Du bist nur ein Teil eines größeren Systems. Diese Distanz passt zur Atmosphäre, sorgt aber auch dafür, dass du dich weniger emotional gebunden fühlst. Die Welt wirkt kühl, fast gleichgültig gegenüber deinem Schicksal. Wer eine klare Handlung erwartet, wird hier wenig finden. Wer sich gerne selbst ein Bild macht und Hinweise interpretiert, kann jedoch Gefallen daran finden. Es ist eine andere Art des Erzählens, die nicht für jeden funktioniert. Optisch macht "Marathon" einen guten Eindruck, ohne dabei neue Maßstäbe zu setzen. Die Umgebungen sind stimmig gestaltet, wirken aber teilweise etwas nüchtern. Es fehlt manchmal an Abwechslung, gerade über längere Spielzeiten hinweg.

Gemeinsam spielt es sich deutlich besser in "Marathon"

Die Performance ist überwiegend stabil. Dennoch kommt es in hektischen Situationen vereinzelt zu kleinen technischen Schwächen. Diese sind nicht dauerhaft störend, fallen aber in einem Spiel, das so stark auf Timing und Reaktion setzt, besonders auf. Bungie liefert hier eine solide Grundlage, aber kein perfektes Gesamtbild. Es ist technisch gut spielbar, aber nicht auf dem Niveau, das manche erwartet haben könnten. Im Team entfaltet "Marathon" deutlich mehr Potenzial. Mit anderen Spielern kannst du dich absprechen, Strategien entwickeln und Risiken besser einschätzen. Das sorgt für mehr Kontrolle und oft auch für bessere Erfolgschancen. Alleine bist du deutlich verletzlicher, Fehler wirken sich stärker aus.

Im Team entstehen die intensivsten Momente. Wenn alles funktioniert, kann das sehr motivierend sein. Gleichzeitig steigt aber auch der Druck. Wenn ein Teammitglied einen Fehler macht, kann das die gesamte Runde gefährden. "Marathon" versucht auch, dich langfristig zu halten. Neue Ausrüstung, bessere Fähigkeiten und immer neue Runden sollen dafür sorgen, dass du dranbleibst. Anfangs funktioniert das gut, weil jede Runde neue Möglichkeiten bietet. Mit der Zeit stellt sich jedoch die Frage, ob sich der Aufwand lohnt. Wenn du häufig verlierst und nur selten Erfolg hast, kann die Motivation sinken. Das Spiel verlangt Geduld und Durchhaltevermögen. Nicht jeder wird bereit sein, diese Investition zu leisten.

Fortschritt, Balance und die große Frage nach Fairness

Ein Punkt, der immer wieder auffällt, ist das Gefühl für Fortschritt. Du spielst mehrere Runden, sammelst Ausrüstung, verbesserst deine Möglichkeiten – und verlierst dann im schlimmsten Moment alles. Das gehört zum Konzept, sorgt aber auch für Diskussionen. Denn nicht jede Niederlage fühlt sich verdient an. Manchmal hast du das Gefühl, dass andere Spieler besser ausgestattet sind oder dir schlicht überlegen sind, ohne dass du viel dagegen tun kannst. Gerade neue Spieler geraten hier schnell ins Hintertreffen. Das wirft die Frage nach der Balance auf. "Marathon" versucht, ein Gleichgewicht zwischen Risiko und Belohnung zu schaffen. Doch dieses Gleichgewicht ist nicht immer spürbar.

Es gibt Runden, in denen alles zusammenpasst, und andere, in denen du kaum eine Chance siehst. Bungie hat bereits angedeutet, dass das Spiel weiter angepasst werden soll. Ob es dadurch besser wird, bleibt abzuwarten. Ein weiterer Aspekt, der "Marathon" prägt, ist die Atmosphäre. Die ersten Karten wirken oft karg, fast bedrückend. Die Grafik setzt eher auf klare Formen und saubere Texturen als auf übertriebene Details. Das kann zunächst nüchtern wirken, erzeugt aber gleichzeitig ein Gefühl von Isolation und Nervenkitzel. Du merkst sofort, dass du auf dich gestellt bist. Gerade in den spärlich beleuchteten Bereichen steigt die Spannung spürbar. Jeder Schatten, jeder Schritt eines Gegners wird zum adrenalingeladenen Moment.

"Cryo Archive" ist die fordernde Endgame-Zone von "Marathon".
Bungie

Bungies Shooter-Handschrift ist klar erkennbar

Der Sound unterstützt dieses Gefühl perfekt. Geräusche von entfernten Schritten, das Rascheln von Ausrüstung oder das Klicken von Gegnerwaffen lassen dich permanent auf der Hut sein. Bungie arbeitet hier mit subtilen Audioeffekten, die mehr bewirken, als es anfangs den Anschein hat. Manchmal reicht ein leises Geräusch, um dich in Sekundenbruchteilen zu entscheiden: Angriff oder Rückzug. Das Leveldesign ist ein weiterer Schlüssel zum Erlebnis. "Marathon" setzt auf komplexe Karten, die mehrere Wege und taktische Möglichkeiten bieten. Enge Gänge wechseln sich mit offenen Plätzen ab, wodurch unterschiedliche Strategien erforderlich sind. Du kannst dich verstecken, einen Hinterhalt legen oder riskant sprinten.

Im Vergleich zu anderen Shootern der letzten Jahre fällt "Marathon" auf. Wo viele aktuelle Titel eher auf schnelle Action setzen und dir das Scheitern verzeihen, bleibt "Marathon" gnadenlos. Kein anderer Extraction-Shooter schafft es, dich so konsequent zwischen Nervenkitzel und Frust zu treiben. Spiele wie "Escape from Tarkov" oder "The Cycle" liefern zwar ähnliche Mechaniken, doch "Marathon" fühlt sich intensiver an. Bungies Handschrift ist klar erkennbar. Das Gunplay ist präzise und befriedigend, die Waffen reagieren schnell und direkt. Egal, ob du ein Sturmgewehr, eine Schrotflinte oder spezialisierte Ausrüstung benutzt – du spürst jede Aktion. Diese direkte Rückmeldung ist ein Unterschied zu vielen Konkurrenten.

Viel Risiko, wenig Vergebung – "Marathon" im Test

Trotz aller Stärken hat "Marathon" auch kleinere Ärgernisse. Das Balancing zwischen neuen und erfahrenen Spielern könnte noch optimiert werden, die Lernkurve ist extrem steil und das Spiel verlangt nicht nur schnelle Reflexe, sondern auch ein gutes Timing und situatives Denken. Wer sich davon überfordert fühlt, wird möglicherweise schon nach wenigen Runden abschalten. Bungie hat betont, dass Feedback ein wichtiger Teil der Weiterentwicklung ist – deswegen wird es spannend zu sehen, in welche Richtung sich der Titel entwickeln wird. "Marathon" ist aber jedenfalls ein Spiel, das dich fordert und manchmal an deine Grenzen bringt. Es ist intensiv, gnadenlos und eigenwillig. Bungies Shooter verbindet Spannung mit einer Portion Frust.

Die Mischung aus Atmosphäre, Sound, Leveldesign, Teamplay und direktem Gunplay macht "Marathon" zu einem einzigartigen Erlebnis, das sich wohl noch über Wochen und Monate weiterentwickeln wird. Es ist kein Shooter für jeden, aber für jene, die Herausforderungen und echte Spannung suchen, könnte er genau das Richtige sein. Am Ende bleibt ein klarer Eindruck: "Marathon" ist mutig, eigenständig und fordert deine Nerven. Bungie zeigt, dass sie bereit sind, Risiken einzugehen, um ein Spiel zu schaffen, das anders ist als alles andere auf dem Markt. Wer bereit ist, sich dieser Erfahrung zu stellen, bekommt ein Spielerlebnis, das lange im Gedächtnis bleibt – mit allen Höhen und Tiefen.

{title && {title} } rfi, {title && {title} } 20.03.2026, 08:37
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