Sie spricht Tiroler Dialekt, hat ein Pflegestudium abgeschlossen und kümmert sich im Krankenhaus um Patienten. Trotzdem wird Elif Yildiz (24) im Berufsalltag manchmal für eine Reinigungskraft gehalten. Der Grund dafür ist aus ihrer Sicht eindeutig: ihr Kopftuch.
"Dann werde ich gebeten, den Boden zu wischen", erzählt die junge Tirolerin gegenüber der "Tiroler Tageszeitung", kurz "TT". Dass jemand sie für eine Reinigungskraft hält, wäre für sie allein noch kein Problem. Was sie stört, ist die Annahme dahinter: "Ich werde für die Reinigungskraft gehalten, weil ich Kopftuch trage."
Statt sich davon entmutigen zu lassen, versucht Yildiz, mit Freundlichkeit und Aufklärung gegen solche Vorurteile anzukämpfen. Mittlerweile erreicht sie damit auch Menschen außerhalb des Krankenhauses.
Elif Yildiz ist die Tochter türkischer Einwanderer und im Tiroler Unterland aufgewachsen. Sie besuchte dort den Kindergarten und die Schule, absolvierte später ein Studium und arbeitet heute als diplomierte Gesundheits- und Krankenpflegerin. "Ich bin ein extrovertierter Mensch", beschreibt sie sich selbst in der "Tiroler Tageszeitung".
Schon während ihrer Schulzeit engagierte sie sich als Klassensprecherin. Der Umgang mit Menschen bereitete ihr immer Freude. Durch eine Freundin wurde sie schließlich auf das Pflegestudium aufmerksam. Schnell entdeckte sie ihre Begeisterung für diesen Beruf.
Doch im Krankenhaus erlebt sie immer wieder, wie sehr ihr Aussehen die Erwartungen anderer Menschen beeinflusst. Manche reagieren überrascht, wenn sie plötzlich in breitem Tiroler Dialekt spricht. Andere staunen darüber, "dass ich trotz meines Hijabs kompetent arbeiten kann", sagt sie gegenüber der "TT".
Seit ihrem 18. Lebensjahr trägt Yildiz einen Hijab. Während ihrer Praktika im Krankenhaus begann sie, auf sozialen Medien über ihren Berufsalltag zu berichten. Unter dem Namen "Nurse des Vertrauens" wollte sie vor allem zeigen, wie die Arbeit in der Pflege tatsächlich aussieht.
Denn mit dem öffentlichen Bild ihres Berufs war sie nicht zufrieden. "Der Beruf hat keinen guten Ruf", sagt die 24-Jährige zur "Tiroler Tageszeitung". Doch schon bald bemerkte sie, dass sich viele Reaktionen weniger auf ihre Tätigkeit als auf ihr Kopftuch bezogen.
"Mein Kopftuch, das ich trage, seit ich 18 Jahre alt bin." Deshalb begann sie, neben Pflegethemen auch über ihren Alltag als muslimische Tirolerin zu sprechen. Sie möchte zeigen, wie es ist, "waschechte Tirolerin mit Migra-Hintergrund und Hijab zu sein".
Die junge Frau berichtet gegenüber der "Tiroler Tageszeitung" von Bemerkungen, mit denen sie immer wieder konfrontiert wird. So bekommt sie etwa zu hören, dass sie "für eine Ausländerin extrem gut Deutsch spreche". Andere fragen, warum sie ihr "hübsches Gesicht unter diesem Tiachl" verstecke.
Auch im Umgang mit Patienten bemerkt sie Unterschiede. "Menschen begegnen mir mit mehr Vorsicht und Distanz als meinen Kolleginnen ohne Hijab", erzählt Yildiz gegenüber der "TT".
Nicht jede Frage empfindet sie allerdings als unangenehm. Sie versteht, dass manche Menschen bisher kaum Kontakt mit Frauen hatten, die ein Kopftuch tragen. Wer aus ehrlichem Interesse nachfragt, bekommt von ihr gerne eine Antwort.
Für Yildiz gibt es allerdings klare Grenzen. "Was aber nicht geht, sind Grenzüberschreitungen wie etwa die Frage, ob ich zwangsverheiratet wurde", stellt sie klar in der "Tiroler Tageszeitung" klar.
Auch offen rassistische Bemerkungen akzeptiert sie nicht. Solche Vorfälle seien in ihrem Berufsalltag insgesamt aber selten. Kommt es dennoch zu Problemen, könne sie sich auf ihren Arbeitgeber verlassen. "Das Krankenhaus steht hinter mir", betont sie in der "TT".
Nur einmal habe sie eine Person wegen besonders bösartigen Verhaltens melden müssen. Mit einem Scherz erinnert sie sich an den Vorfall zurück: "Der war aber auch zu lange nüchtern".
Auch bei den Tirol Kliniken wird das Engagement der jungen Pflegerin positiv aufgenommen. Sprecher Johannes Schwamberger erklärt gegenüber der "Tiroler Tageszeitung", dass Yildiz ihre Beiträge zwar nicht offiziell für das Krankenhaus veröffentlicht.
Sie handle aber "im Namen des Krankenhauses. Aber mit unserer Genehmigung, Unterstützung – und auch Dankbarkeit". Die Initiative zeigt laut den Tirol Kliniken bereits konkrete Auswirkungen.
"Wir verzeichnen mehr Bewerbungen aus der muslimischen Community. Sowohl auf Jobs als auch für die Ausbildung", berichtet Schwamberger gegenüber der "TT". Gerade angesichts des Personalmangels im Gesundheitsbereich sei diese Entwicklung erfreulich.
Für Yildiz ist die Unterstützung anderer Menschen ein wichtiger Antrieb. Über ihre Beiträge erreicht sie auch Frauen, die selbst mit Vorurteilen oder Unsicherheiten kämpfen. "Ich bekomme Nachrichten von Frauen, die sich durch meinen Account gesehen fühlen", erzählt sie gegenüber der "Tiroler Tageszeitung" und sagt: "Und die sich dann doch trauen, sich auf einen Job, eine Wohnung zu bewerben."
Dass sie mit ihrer Arbeit etwas bewirken kann, motiviert die Tirolerin, auch weiterhin öffentlich über ihre Erfahrungen zu sprechen. "Ich weiß, dass ich etwas verändern kann", sagt sie.
Die 24-Jährige möchte aber nicht nur Vorurteile gegenüber Musliminnen abbauen. Sie wünscht sich auch innerhalb ihrer eigenen Gemeinschaft mehr Bereitschaft, andere Sichtweisen zu verstehen.
"Offenheit", sagt Yildiz der "TT", "ist aber keine Einbahnstraße." Besonders wichtig sind ihr persönliche Begegnungen. Denn gerade im direkten Gespräch würden viele Menschen ihre anfängliche Zurückhaltung ablegen. "Ich habe Patienten, die sich bei mir bedanken, weil ich ihre Fragen beantwortet habe", erzählt sie.
Manche Patienten, die Yildiz anfangs für eine Reinigungskraft hielten, bringen ihr am Ende ihres Krankenhausaufenthalts sogar eine Tafel Schokolade als Dankeschön. Für die junge Pflegerin sind es solche Begegnungen, die zeigen, dass sich Vorurteile verändern lassen.