Lange Autofahrten sind für viele Menschen ein Graus. Andere lieben sie. Weil sie dann die Musik aufdrehen und lauthals mitsingen können. Ob sie die Töne treffen oder nicht, spielt keine Rolle. Doch beflügelt die Karaokeparty hinter dem Steuer den Lenker oder die Lenkerin? Oder lenkt sie so stark ab, dass das Fahren gefährlich wird? Sorgt sie sogar für Entspannung?
Die Forschung kennt darauf Antworten. Der Risiko- und Resilienzforscher Milad Haghani von der Uni Melbourne (Australien) hat die bisherigen Untersuchungen zum Thema zusammengefasst. Die Studienlage ist – kurz gesagt – variantenreich. Denn: Es kommt darauf an.
Müden Fahrern kann Musik helfen, auf monotonen Strecken wach zu bleiben, "auch wenn sie eine zusätzliche kognitive Belastung darstellt und mit der Hauptaufgabe des Autofahrens konkurriert", so Haghani. Allerdings sei der Effekt nur von kurzer Dauer. Nach 15 bis 20 Minuten sei er vorbei.
Wer am Steuer Musik hört, baut den Untersuchungen zufolge tendenziell mehr Unfälle. Zudem haben groovende Lenker die Geschwindigkeit weniger gut im Griff als jene, die ohne Musik unterwegs sind. Auch das Einhalten des Abstands zum Vordermann fällt schwerer.
Songs, die wir selbst auswählen, lenken uns weniger ab, als wenn die Beifahrer bestimmen. Dahinter steckt: Autofahrer wählen Musik oft, um ihre Stimmung und ihr Erregungsniveau zu regulieren – und das kann ihr Fahrverhalten stabilisieren.
Auch die Lautstärke spielt eine Rolle, allerdings weniger stark als in der Regel angenommen: Leise Musik lässt einen langsamer fahren. Mittlere und hohe Lautstärke treiben die Geschwindigkeit leicht an. "Diese Effekte sind gering, aber in ihrer Richtung relativ einheitlich", erklärt Haghani.
Einzelstudien deuten laut dem Forscher darauf hin, dass sehr aufregende, aggressive Songs manche Fahrer zu riskanterem Verhalten verleiten und sie fehleranfälliger machen können.
Schnelle Songs haben in Bezug aufs Autofahren einen eher schlechten Ruf: Sie pushen angeblich das Tempo. Doch so klar ist der Effekt auf die Geschwindigkeit nicht – außer bei Fahranfängerinnen und -anfängern.
Die meisten der Studien verwendeten Fahrsimulatoren, in denen die Teilnehmer realistische Straßenszenarien durchfahren, während die Forscher nur eine Sache ändern: die Musik. Dies ermöglicht die präzise Messung von Indikatoren wie Geschwindigkeit, Reaktionszeit, Spurhaltung, Bremsverhalten, Sicherheitsabstand und simulierten Kollisionen sowie sogar des physiologischen Zustands des Fahrers unter verschiedenen musikalischen Bedingungen. Da alle anderen Faktoren konstant gehalten werden, lassen sich jegliche Unterschiede im Fahrverhalten auf die Musik zurückführen.