Am Wiener Landesgericht für Strafsachen fällt am Donnerstag um Punkt 9.00 Uhr der Startschuss für einen Großprozess! Insgesamt 24 Männer sind angeklagt, ihnen werden absichtlich schwere Körperverletzung und schwere gemeinschaftliche Gewalt vorgeworfen.
Im Zentrum steht eine eskalierte Auseinandersetzung zwischen zwei Gruppen: Auf der einen Seite junge Tschetschenen, auf der anderen syrische und arabischstämmige Männer. Der Konflikt mündete im Juli 2024 in einer Massenschlägerei in der Nähe des Bahnhofs Meidling.
Weil der Große Schwurgerichtssaal derzeit umgebaut wird, fehlt im Landesgericht der Platz für alle Angeklagten samt Verteidigern. Deshalb wird der Prozess auf insgesamt fünf Termine aufgeteilt.
Laut Anklage gilt ein 25-jähriger Tschetschene als zentrale Figur. Er soll sich mit anderen in Wien lebenden Tschetschenen zusammengeschlossen und eine feindselige Haltung gegenüber einer syrischen Gruppe entwickelt haben. Über Telegram sollen Angriffspläne abgestimmt worden sein, der 7. Juli 2024 als Tatdatum festgestanden haben.
Der Beschuldigte soll anschließend öffentlich über Instagram zu einer sogenannten "Konferenz" geladen haben. Dabei soll es um das gezielte Ausschalten der gegnerischen Gruppe gegangen sein. Wie vereinbart sollen die Opfer verfolgt und mit Stöcken, Messern und Hämmern attackiert worden sein. Fünf Männer wurden verletzt, einige davon schwer durch Stichverletzungen und Knochenbrüche.
Brisant ist auch ein weiterer Aspekt des Verfahrens: Zwei Angeklagten wird ein Naheverhältnis zu einem Mann nachgesagt, der Anfang August 2024 einen Terroranschlag auf ein geplantes Taylor-Swift-Konzert im Ernst-Happel-Stadion geplant haben soll. Der mutmaßliche Hauptangeklagte soll eng mit ihm verbunden gewesen sein, ein weiterer Beschuldigter soll ihn gekannt haben. Der 18-Jährige gilt als Anhänger der Terror-Organisation "Islamischer Staat".
Die Angeklagten haben nebeneinander auf der Anklagebank Platz genommen, sechs sind schon da. Vier sind im Sonntagsanzug da. Die Eltern der Jugendlichen sitzen in der ersten Reihe, drei Mütter mit Kopftuch. Vier Polizisten sind im Saal – sie haben zusätzlich zur Faustfeuerwaffe auch Taser, die sie mit einer Hand stets griffbereit halten.
Aus Platzgründen sind am Donnerstag nur acht Angeklagte geladen. Das sind vor allem diejenigen, sie sich dem Vernehmen nach geständig verantworten wollen. Die Ermittler haben ganze Arbeit geleistet und jeden einzelnen Teilnehmer der Aktion anhand von Chats und Öffi-Überwachungsvideos ausgeforscht.
Vier 17-Jährige, drei 18-Jährige und ein 19-Jähriger sind da - darunter zwei Brüder. Die Tätigkeiten der allesamt Unbescholtenen reicht von Schüler über Tischler bis zu Metallbauer-Lehrer, einige sind arbeitslos.
Der Staatsanwalt führt aus: "Wir verhandeln heute den 7. Juli - den Abschluss dieser gewalttätigen Auseinandersetzung zwischen Syrer und Afghanen. Der Hauptangeklagte Abu B. wollte die 505er ausschalten. Dafür hat er zu einer Konferenz via Social Media aufgerufen. Es soll einen Überraschungsangriff geben." Die Gruppe spazierte über die Philadelphiabrücke und griff sieben Personen gemeinsam an. Nach der Tat sind alle geflohen.
Die Angeklagten würden durch die Beweisergebnisse "massiv belastet". "Alle der Angeklagten wussten, was passieren würde. Als wäre alles nicht schon schlimm genug: Die Opfer - allesamt Afghanen hatten mit den Syrern nichts zu tun gehabt."
Die Verteidiger spielen die Rolle ihrer Mandanten klein. Verteidiger Florian Kreiner etwa sagt, als er am Wort ist: "Die Jugendlichen waren extrem aufgeheizt in dieser Situation, wollten sich zur Wehr setzen, um die eigene Gruppierung und die eigenen Frauen zu schützen. Es wurde viel davon gesprochen, dass die 505er tschetschenische Frauen bedrängt hätten." Sein Mandant hätte "keine unmittelbare Tathandlung gesetzt", sei aber anwesend gewesen. Dafür wolle er die Verantwortung übernehmen.
Es habe Instrumentalisierung gegeben. Denn Kreiner ist sicher: "Er ist kein gewalttätiger Mensch." Anwalt Andreas Schweitzer erklärt, dass auch sein Mandant durch seine Anwesenheit einen Beitrag geleistet habe. "Er war dort und hat zugeschaut." Den Jugendlichen dürfte wohl langweilig gewesen sein, denn sonst würde man so einem Aufruf nicht folgen und hinfahren. "Man könnte sich auch einen Film zu Hause anschauen", schüttelt er den Kopf.
Die Angeklagten übernehmen allesamt die Verantwortung. "Psychisch bekenne ich mich schuldig", meint einer. Um 9.50 Uhr kommen plötzlich Jugendliche in den Saal, setzen sich in eine hintere Reihe hin. Sie sind scheinbar in irgendeiner Form am Konflikt beteiligt. Denn sie werden von anwesenden Polizisten erkannt, sogleich wieder aus dem Saal hinausgebeten. Offenbar war da einer der Angeklagten dabei, die erst am Freitag dran wären.
Nach kurzer Rücksprache der Exekutive mit der Richterin erlaubt sie die Anwesenheit der Gruppe nun. Zusätzliche Beamte sichern den Saal.
"Ich war angespannt und aufgehetzt", gibt nun einer der Angeklagten, der am Donnerstag an der Reihe ist, zu. Es habe aber keinen Hass gegen Syrer gegeben. "Ich wusste nicht, wie genau die Syrer ausgeschaltet werden oder was genau passieren würde", behauptet er. Der Treffpunkt habe nur dazu gedient, "damit man sich das Ganze anschaut". Er habe gedacht, es würde das Gespräch gesucht. "Es hat mich gewundert, dass es zu so schweren Verletzungen gekommen ist." "Ich war danach überfordert und schockiert. Hätte ich gewusst, dass jemand abgestochen wird, hätte ich nie daran teilgenommen", so der Angeklagte.
Über die Rolle des offenbar hochgefährlichen Organisators Abu Bakar T. (25) wollte bisher keiner der Angeklagten explizit aussagen. "Ich weiß nicht, ob er der Anführer war", lamentiert einer herum. "Ich kann mich nicht genau erinnern", meint ein anderer. Es sei im Vorhinein durch ihn nie von Gewalt die Rede gewesen. Waffen habe der jetzt vernommene Jugendliche keine gesehen. "Aber einer hatte ein Straßenschild in der Hand."
Der Staatsanwalt konfrontiert einen der Angeklagten jetzt mit Chats, die drei Tage nach dem Angriff auf Telegram geschrieben wurden. Darin beschwert sich der Angeklagte, dass kein zweiter Angriff auf die rivalisierte 505er-Gruppe erfolgen solle. "Unser Ziel war doch, diese Ratten wieder in ihre Löcher zu stopfen. Sie laufen aber immer noch herum." Nun bestreitet er aber, damit weitere Gewalt gefordert zu haben. "Ich wollte nur dazugehören. Ich entschuldige mich für diese Aussage", so der junge Mann.
Ein junger Tschetschene erzählt etwas offenherziger, wieso er am 7. Juli genau zum Tatort nach Meidling kam. "Es war Sommerferien, es war langweilig…" Gehört habe er vom Park, dass dort was passieren sollte und auch auf TikTok. Der Installateur-Lehrling war gemeinsam mit seinem jüngeren Bruder dort. Messer oder Schlagstöcke habe er jedoch nicht gesehen. Seine Mutter war sehr schockiert, als sie von seiner Beteiligung erfuhr. Es tue ihm sehr leid.
Keiner der Angeklagten will bisher Waffen wie Messer oder Schlagstöcke gesehen haben - und wenn welche Waffen trugen, konnten sie aufgrund der Maskierung nicht erkannt werden. Einer der Angeklagten sorgt jetzt kurz für Lacher im Saal. Auf die Frage, warum er an jenem Abend ganz in Schwarz gekleidet war, sagt er: "Das ist halt so mein Stil." Wieso er dann im blauen Anzug dasitzt, will die Richterin wissen. "Heute nicht", grinst er. Zeugen werden keine benötigt. Die Urteile für die Geständigen soll es noch am Donnerstag geben. Die Unschuldsvermutung gilt.