Für uns Menschen ist es einfach eine Kartonschachtel, die am Rand eines kleinen Teichs im Gehege des Wolfsforschungszentrums (WSC) steht. Für Wolfswelpen bedeutet sie aber eine Herausforderung. Die Box ist nämlich ein unbekannter Gegenstand, gefüllt mit Futter und heiß begehrten Kaninchenohren.
Die jungen Wölfe sind erst kürzlich aus verschiedenen Wildtierparks in Europa nach Ernstbrunn in Niederösterreich übersiedelt. Jetzt bereitet man sie auf ihre zukünftigen Aufgaben bei Forschungsprojekten vor – und da hilft eben auch so eine Kartonschachtel. Auch so werden sie nämlich an viele neue Dinge gewöhnt.
„Wölfe sind von Natur aus neophob. Das heißt, sie haben Angst vor Neuem. Ohne gezieltes Training würden die Wölfe später als Erwachsene einen großen Bogen um Forschungsgeräte machen.“Marianne HeberleinVerhaltensbiologin, Wolf Science Center
Die sieben Wolfswelpen sind entzückend:
"Sie sollen jetzt schon lernen, dass sie vor fremden Gegenständen keine Angst haben müssen", sagt Heberlein. Heute ist es eine einfache Schachtel, morgen vielleicht ein Testapparat, der ihre Geschicklichkeit prüft, oder ein Laufband, auf dem ihr Gangbild analysiert wird.
Nicht nur Gegenstände sind neu, sondern auch Menschen. "Wir sind ja ein Forschungszentrum der Veterinärmedizinischen Universität Wien. Da passiert es immer wieder, dass Forscher zu uns kommen und mit den Tieren arbeiten, die sonst nicht hier sind", sagt Heberlein. "Unser Ziel ist es, dass sie auch in der Umgebung von fremden Menschen entspannen können."
Stress würde die Forschungsergebnisse sogar verfälschen, meint Heberlein: "Wir wollen in der Forschung wissen, wie reagieren die Wölfe von sich aus? Was ist ihr Potenzial? Und da wären Stress und Angst das Falsche." Statt Angst sollen die Welpen also Neugierde entwickeln, damit sie später bei Forschungsprojekten offen auf neue Situationen zugehen.
Schon jetzt werden kleinere Tests und Untersuchungen mit den Welpen gemacht – etwa das Sammeln von Kot- und Speichelproben, um das Mikrobiom zu analysieren. Wichtig ist dabei immer, dass die Tiere keinen Schaden nehmen. Das gilt natürlich auch für die erwachsenen Wölfe im Forschungszentrum.
Bis die sieben Wölfe voll für die Wissenschaft arbeiten, dauert es noch ein bis zwei Jahre. Dann sind sie durch die Pubertät durch und charakterlich gefestigt genug, um bei allen Forschungsprojekten mitzumachen – egal ob Kognitionstests, Verhaltensanalysen oder Vergleiche mit Hunden.
Das große Ziel ist, Wissen zu schaffen, dass das Zusammenleben von Mensch und Tier verbessert. "Indem wir Wölfe besser verstehen und wissen, woher gewisse Verhaltensweisen kommen, können wir auch auf Hunde besser eingehen", sagt Marianne Heberlein. "Auf der anderen Seite helfen uns die Forschungsergebnisse letztlich im Zusammenleben mit dem Wolf. Wenn ich besser verstehe, wie der Wolf in welchen Situationen reagiert, habe ich auch bessere Möglichkeiten, beispielsweise Nutztiere zu schützen."