Gewalt in Zügen nimmt dramatisch zu. Die Attacken auf Zugbegleiter und anderes Bahn-Personal erreichen immer öfter ein erschreckendes Ausmaß. In der Steiermark griff ein betrunkener Passagier gleich zwei Schaffner an. Einer davon wurde schwer verletzt - weil der Täter keinen Fahrschein hatte.
Muhammed Bakir arbeitet seit vielen Jahren als Zugbegleiter. Im Gespräch mit "Heute" schildert der 39-Jährige Szenen, die ihn bis heute beschäftigen.
Es ist Sommer, Dienst in der Schnellbahn S2: Der Zug fährt von Laa an der Thaya über Wien nach Mödling. Bakir kontrolliert kurz vor der Endstation Tickets, als die Situation eskaliert. "Mein Teamkollege wird plötzlich attackiert, einer hat ihm auf den Schädel geschlagen."
Der Zugbegleiter greift ein, versucht zu deeskalieren und die Fahrgäste zu beruhigen. Doch die Gewalt richtet sich plötzlich gegen ihn selbst. "Doch dann wurde ich zur Zielscheibe, ich bin attackiert worden." Erst als die Polizei eintraf, konnte die Lage beruhigt werden.
Die blutige Bilanz des Angriffs auf den Zugbegleiter: "Ich hatte einen Nasenbeinbruch, schwere Verletzungen in der Augenhöhle, ein Zahn war ausgebrochen."
Hintergrund der Tat: Der Sohn des Angreifers hatte keinen Fahrschein und konnte sich nicht ausweisen. Doch es blieb nicht bei diesem Angriff in der S2.
Bei einem weiteren Einsatz auf der Südstrecke bat Bakir einen Obdachlosen, den Zug zu verlassen. "Bald eskalierte die Lage", erzählt der Zugbegleiter. Der Mann begann zu brüllen, schimpfte und wurde aggressiv.
"Dann stand er auf und hat meine Kollegin zwischen die Beine getreten!" Bakir überwältigte den Mann, bis die Polizei eintraf.
"Ich bin schon vorsichtiger geworden", sagt der 39-Jährige. "Ich denke schon daran, wenn Fahrgäste aggressiv sind, denn es gibt nichts, was es im Zug nicht gibt!"
Auch im Infrastrukturministerium ist die zunehmende Gewalt in Zügen ein Thema. Besonders seit der Pandemie soll es einen merkbaren Anstieg geben.
"Die jüngsten Übergriffe auf Beschäftigte im Eisenbahnverkehr machen betroffen und sind in keiner Form zu akzeptieren", heißt es aus dem Ministerium. Der Schutz der Betroffenen habe höchste Priorität.
Verkehrsminister Peter Hanke (SPÖ) kündigt erste Maßnahmen an: "Konkret wurde bereits in einem ersten Schritt innerhalb der ÖBB ein runder Tisch auf höchster Ebene unter Beteiligung von Expertinnen und Experten des BMIMI (Anm.: Infrastrukturministerium) sowie des BMI (Innenministerium) einberufen."
"Wir haben jeden Tag einen Vorfall, es werden Flaschen geworfen, es wird gedroschen", sagt Roman Hebenstreit zu "Heute". Der Vorsitzende von vida erklärt: "Wir müssen uns Gedanken machen, wie schützen wir die Menschen - also die Passagiere und die Mitarbeiter."
Er fordert mehr Personal in den Zügen als Prävention sowie stärkeren Schutz durch die Exekutive. Der Schutz dürfe nicht allein Aufgabe der Eisenbahnunternehmen sein. Hebenstreit spricht sich für eine Art Eisenbahnpolizei aus.