Im 8. Wiener Gemeindebezirk gibt es drei öffentliche Volksschulen – die OVS (Offene Volksschule) Zeltgasse, die GTVS (Ganztagesvolksschule) Pfeilgasse und die VS Lange Gasse. Rund 200 Kinder besuchen den Standort in der Lange Gasse – sie ist die letzte Schule, die noch nicht auf Ganztagsbetreuung umgestellt wurde.
Im ganzen Bezirk gibt es keinen öffentlichen Hort (der einzige wurde 2023 geschlossen), die privaten Horte sind kostenintensiv: "Sämtliche Nachmittags-Betreuungsangebote sind für viele Familien finanziell nicht tragbar. Gleichzeitig endet der Unterricht an der Volksschule um 11.55 Uhr. Für berufstätige Eltern entsteht dadurch eine Betreuungslücke, die im Alltag kaum zu bewältigen ist", erklärt Beatrice R., deren Kinder (7 und 8 Jahre) die VS Lange Gasse besuchen.
Im Mai 2025 wurde den Eltern in einem Schreiben der Schule bekanntgegeben, dass die Lange Gasse ab dem Schuljahr 2026/27 zur OVS wird: "Wir Eltern haben uns alle so gefreut und sind auch davon ausgegangen, dass es so passieren wird", berichtet die 43-jährige Alice N. (Name geändert), eine weitere betroffene Mutter.
Doch im Oktober 2025 kam dann überraschenderweise der Rückzieher: Die Schule informierte die Eltern, dass die VS Lange Gasse "im Schuljahr 2026/27 nicht auf schulische Tagesbetreuung umgestellt werden kann. Die Gründe dafür liegen vor allem in der fehlenden Finanzierung des Umbaus und des Personals. Unsere Schule verbleibt auf der Liste der potenziellen Standorte für die Folgejahre."
Die Nachricht sorgte verständlicherweise für große Aufregung unter den Eltern: "Die Umwandlung der Volksschule in eine offene Ganztagsschule galt als realistische und bereits vorbereitete Lösung. Die Bezirksvorstehung hatte signalisiert, den notwendigen Umbau budgetär vorzusehen. Nun wird dieses Vorhaben offenbar aufgrund von Budgetkürzungen (der Stadt, Anm.) gestoppt", ist Beatrice R. frustiert.
Beatrice R. und Alice N. – sie starteten bei "mein.aufstehn.at" eine Petiton für den OVS-Umbau – haben ihre Kinder in einem privaten Hort angemeldet: "Wir zahlen für beide Kinder rund 800 Euro im Monat. Es gibt einige Familien, die sich das nicht leisten können, obwohl beide Elternteile Vollzeit arbeiten. Da muss dann das Kind nach dem Unterricht nach Hause und bleibt bis zum Abend allein", erklärt Alice N., deren Sohn (8) die VS Lange Gasse besucht, ihre Tochter (6) startet im Herbst.
Nach der Hiobsbotschaft wollten viele Eltern, auf eine Ganztagsschule ausweichen. Auch Alice N. versuchte, ihre Tochter in der OVS Zeltgasse unterzubringen: "Als bekannt wurde, dass die Lange Gasse doch keine OVS wird, haben viele Eltern natürlich versucht, ihre Kinder anderswo anzumelden. Angeblich gab es allein für die Zeltgasse 120 Anmeldungen – für 50 Plätze. Viele wurden daher abgewiesen – auch wir", berichtet die 43-Jährige.
Auch Bezirksvorsteher Martin Fabisch (Grüne) ist das Problem bekannt: "Im September 2025 hat uns die Stadt Wien – Schulen (MA 56) erstmals darüber informiert, dass die Umstellung zur OVS verschoben werden muss, da das notwendige Betreuungspersonal erst ab Herbst 2028 zur Verfügung stehen wird. Viele Eltern waren darüber zurecht verärgert und haben sich an den Bezirk gewandt", erklärt er auf "Heute"-Nachfrage.
Im heurigen März wurde daher ein Antrag in die Bezirksvertretungssitzung eingebracht, dass die Umstellung zur OVS zumindest auf Herbst 2027 vorgezogen werden soll – also ein Jahr früher als von der Stadt geplant: "Der Antrag wurde parteiübergreifend einstimmig angenommen. Kurz darauf kam von der zuständigen Stadträtin die erforderliche Zusage dafür. Ich freu mich sehr über dieses Ergebnis – vor allem für die Kinder, die es betrifft!", so Fabisch.
Der Bezirk muss den Hauptteil der Kosten für den Umbau tragen, die Stadt ist für die Personalkosten (der Freizeitpädagogen) zuständig. Im Fall der VS Lange Gasse soll eine alte Schulwart-Wohnung zu einem Aufenthaltsraum umgebaut werden, auch der Garten soll umgestaltet werden. Die Kosten belaufen sich auf rund 600.000 Euro, 60 Prozent davon muss der Bezirk tragen.
Auf Nachfrage bei Bildungsstadträtin Bettina Emmerling (Neos) heißt es: "Die Stadt Wien hat die beteiligten Stellen bereits darüber informiert, dass für den Standort Lange Gasse eine Umstellung auf schulische Tagesbetreuung ab dem Schuljahr 2027/28 geplant ist. Für die Nachmittagsbetreuung stehen Familien im 8. Bezirk 16 private Horte zur Verfügung. Um Missverständnisse zu vermeiden: Auch städtische Horte sind kostenpflichtig. Der monatliche Beitrag liegt derzeit bei rund 220 Euro zuzüglich eines Essensbeitrags", erklärt ein Sprecher.
Und weiter heißt es: "Die Kompetenzen im Bereich Schulbau und Tagesbetreuung sind zwischen den Gebietskörperschaften klar in den rechtlichen Grundlagen geregelt. Das Personal für die Freizeit wird über die Bildung im Mittelpunkt GmbH bereitgestellt. Die GmbH gehört zu 100 Prozent der Stadt Wien. Jedoch muss davor, für die notwendigen Umbaumaßnahmen, der Bezirk die dafür vorgesehen finanziellen Mitteln zur Verfügung stellen."