"Faxen", "fetzen" oder "Wallah, Bruder, war krass!" Für manche klingt die Sprache vieler Jugendlicher in Wien kaum noch deutsch. Der Wiener Lehrer und Sprachwissenschaftler Matej Jakic legt nun mit "Bin Straßenbahn, wallah" das erste umfassende "Ethnolekt"-Wörterbuch Wiens vor.
Sprache verändert sich ständig. Gerade in einer Stadt wie Wien wird das besonders sichtbar. Hier leben Menschen aus unterschiedlichsten Kulturen zusammen, und diese Multi-Kulti-Vielfalt prägt auch die Sprache. Mehr als die Hälfte der Menschen spricht im Alltag neben Deutsch noch eine weitere Sprache.
Im Schuljahr 2019/20 hatten rund 53 Prozent der Wiener Schülerinnen und Schüler eine andere Erstsprache als Deutsch. Österreichweit liegt dieser Anteil bei knapp 27 Prozent. Auch die Schulform spielt eine Rolle. In Mittelschulen sprechen fast 76 Prozent der Jugendlichen zu Hause kein Deutsch als Erstsprache. In Gymnasien liegt der Anteil bei etwa 40 Prozent. Jugendliche wechseln bewusst zwischen verschiedenen Sprachformen. Je nach Situation sprechen sie Dialekt, Standarddeutsch oder "ethnolektale" Jugendsprache.
Matej Jakic (30) hat genau das untersucht. Sein Buch verbindet wissenschaftliche Einordnung mit persönlichen Erfahrungen aus dem Schulalltag und vielen Beispielen aus der Wiener Jugendsprache. Von A bis Z erklärt Jakic Begriffe, die Jugendliche täglich verwenden.
So bedeutet etwa "Faxen" im Slang Unsinn oder dummes Verhalten. Wenn jemand sagt: "Mach keine Faxen, wir müssen ernst reden", meint er, dass jemand aufhören soll herumzublödeln. "Feier ich" steht für etwas mögen oder gut finden. Jugendliche sagen etwa: "Den Track feier ich krass."
"Fener" geht auf den türkischen Fußballklub Fenerbahçe zurück und wird im Slang oft als Identitätsbegriff verwendet. "Der ist voll Fener, jeden Sonntag Stadion." Auch typisch wienerisch ist das Wort "fetzen". In der Jugendsprache bedeutet es, sich zu schlagen oder eine Schlägerei zu haben. "Die haben sich vorm Club gefetzt." Wenn jemand "Film schiebt", bedeutet das, dass er sich etwas einbildet oder übertreibt. "Der schiebt wieder Film, obwohl nix passiert ist." Aus der Rap-Kultur kommt das Wort "flexen". Es bedeutet angeben oder protzen. "Er flext wieder mit seinen Markenklamotten."
Auch Namen können Teil des Slangs werden. "Serdar" wird etwa als Bezeichnung für einen besonders harten Typen verwendet. "Der läuft herum wie Serdar." Viele Begriffe stammen aus anderen Sprachen. "Shisha", ein Wort aus dem Arabischen, steht für die Wasserpfeife und ist längst Teil der Jugendkultur. "Komm, wir gehen heute Abend Shisha-Bar." "Shukran" bedeutet im Arabischen "Danke". Jugendliche sagen etwa: "Shukran, Bruder, Ehrenmann."
Auch türkische Ausdrücke tauchen auf. "Siktir git" bedeutet so viel wie "Hau ab". Ein Beispiel: "Ey, siktir git mit deinem Blabla." Manche Begriffe sind lautmalerisch. "Skrrt" imitiert das Geräusch quietschender Reifen und steht im Slang für ein schnelles Abhauen. "Wir machen Skrrt vom Park."
Der Begriff "slavic" spielt auf Balkan-Style und Trainingsanzug-Kultur an. "Er sitzt so slavic im Park, Adidas komplett." Und auch englische Einflüsse finden sich. "Slay" bedeutet, besonders gut auszusehen oder etwas beeindruckend zu machen. "Sie hat voll geslayt mit dem Outfit." All diese Begriffe zeigen, wie vielfältig sich Sprache im Alltag entwickelt. Hochdeutsch, Wiener Dialekt, Englisch, Arabisch, Türkisch oder Balkan-Sprachen greifen ineinander und schaffen neue Ausdrucksformen.
Autor Matej Jakic präsentierte sein Buch im Wien Museum am Karlsplatz, diskutierte dabei mit Direktor Matti Bunzl über Jugendsprache, Mehrsprachigkeit und Forschung. Das Buch "Bin Straßenbahn, wallah" von Matej Jakic ist im Ueberreuter Verlag erschienen, kostet 17 Euro und ist überall im Buchhandel erhältlich.