Künstliche Intelligenz (KI) hilft nicht nur bei der Arbeit, Forschung oder im Alltag. Auch Kriminelle setzen immer häufiger auf die Technologie. Ein neuer Bericht von Interpol zeigt nun, wie stark KI bereits mit Cyberangriffen verbunden ist. Besonders auffällig ist die Entwicklung in Afrika: Dort steht KI laut dem Bericht inzwischen mit mehr als der Hälfte aller gemeldeten Cybercrime-Fälle in Verbindung. Konkret nennt Interpol einen Anteil von 55 Prozent der erfassten Fälle.
Die internationale Polizeiorganisation beschreibt, wie Cyberkriminelle KI einsetzen, um Angriffe schneller vorzubereiten, größer aufzuziehen und schwerer erkennbar zu machen. Betroffen sind unter anderem Phishing-Attacken, Betrug über manipulierte Geschäftsmails, digitale Erpressung und Identitätsdiebstahl. Die Auswirkungen bleiben dabei nicht auf eine einzelne Region beschränkt. Laut Interpol richten afrikanische Bedrohungsakteure ihre Angriffe zunehmend auch gegen Unternehmen in Europa und Nordamerika.
Besonders im Fokus stehen dabei sogenannte Business-E-Mail-Compromise-Angriffe, bei denen sich Täter als Firmenchefs, Mitarbeiter oder Geschäftspartner ausgeben, um Geld oder vertrauliche Informationen zu erlangen. Die neuen Möglichkeiten durch KI verändern laut Bericht vor allem die Geschwindigkeit und den Umfang solcher Angriffe. Kriminelle können Inhalte automatisiert erstellen, Nachrichten besser an einzelne Opfer anpassen und ihre Vorgehensweisen laufend verändern.
Ein weiteres Problem sind synthetische Identitäten. Dabei erstellen Täter künstliche oder manipulierte digitale Identitäten, die für Betrug verwendet werden. Laut Interpol nutzen Kriminelle diese Methoden, um Bankkonten zu eröffnen, Kredite zu beantragen oder SIM-Karten zu registrieren. Für Betroffene kann es schwieriger werden, echte Personen von gefälschten Identitäten zu unterscheiden. Der Bericht sieht eine Herausforderung darin, dass Banken, Telekommunikationsunternehmen und Behörden ihre Informationen schneller teilen müssen.
Interpol bezeichnet den fehlenden Austausch von Daten in Echtzeit als eine der zentralen Schwachstellen im Kampf gegen moderne Cyberkriminalität. Je schneller verdächtige Aktivitäten erkannt und weitergegeben werden, desto eher können Angriffe gestoppt werden. Zum Bericht steuerte auch TrendAI wichtige Informationen bei. Das Unternehmen arbeitet seit mehreren Jahren mit internationalen Strafverfolgungsstellen zusammen und stellte Erkenntnisse zu Ransomware, Schadprogrammen und weiteren digitalen Angriffen bereit.
Dazu gehörten auch Daten zu mehr als 600.000 erkannten Fällen von digitaler Sextortion im Jahr 2025. Bei dieser Form der Erpressung versuchen Täter, Opfer mit angeblich kompromittierenden Bildern oder Videos unter Druck zu setzen. Die gesammelten Informationen sollen dabei helfen, aktuelle Entwicklungen in der Cyberkriminalität besser zu verstehen und internationale Ermittlungen zu unterstützen. Robert McArdle, Director of Cybercrime Research bei TrendAI, sieht in der Entwicklung einen grundlegenden Wandel.
"Der Bericht macht deutlich, dass Cyberkriminalität zu einem industrialisierten Geschäftsmodell geworden ist. KI ermöglicht es Angreifern, Aufklärung zu automatisieren, Betrugsmaschen in großem Maßstab zu personalisieren und ihre Methoden kontinuierlich anzupassen", sagt McArdle. Dadurch könnten laut seiner Einschätzung auch weniger erfahrene Täter Fähigkeiten nutzen, die früher vor allem gut organisierten Gruppen vorbehalten gewesen seien. Besonders problematisch sei, dass viele Angriffe heute über Ländergrenzen hinweg stattfinden.
"Da Angriffe zunehmend grenzüberschreitend erfolgen, müssen Unternehmen ihren Fokus nicht nur auf Prävention legen, sondern ebenso auf schnelle Erkennung, den Austausch von Bedrohungsinformationen und ihre Widerstandsfähigkeit gegenüber Angriffen", erklärt McArdle. Für Unternehmen bedeutet das: Nicht nur Schutzmaßnahmen vor einem Angriff werden wichtiger. Auch die Fähigkeit, verdächtige Vorgänge schnell zu erkennen und nach einem Angriff wieder handlungsfähig zu werden, gewinnt an Bedeutung.
Der Interpol-Bericht zeigt, dass KI die digitale Kriminalität verändert. Die Technologie ist nicht das Problem, sondern die Art, wie sie von Angreifern eingesetzt wird. Während Unternehmen und Behörden KI zunehmend für Schutzmaßnahmen nutzen, versuchen Kriminelle gleichzeitig, dieselben Werkzeuge für Betrug und Angriffe einzusetzen. Der Wettlauf zwischen Verteidigern und Angreifern wird damit weiter beschleunigt. Selbst wenn eine Nachricht professionell wirkt, kann dahinter inzwischen eine automatisierte Betrugsmasche stehen.