Rotes Kreuz attackiert

Aggression steigt: Angriffe auf Einsatzkräfte nehmen zu

Beschimpft, bedroht, attackiert: Einsatzkräfte geraten immer häufiger in gefährliche Situationen. Zahlen aus Niederösterreich zeigen einen Anstieg.
29.10.2026, 09:42
Loading...
Angemeldet als Hier findest du deine letzten Kommentare
Alle Kommentare
Meine Kommentare
Sortieren nach:

Kommentare neu laden
Nach oben
Hör dir den Artikel an:
00:00 / 02:45
1X
BotTalk

Sie wollen helfen, Menschen retten oder für Sicherheit sorgen – doch immer wieder werden Polizisten, Sanitäter und Feuerwehrleute selbst zur Zielscheibe von Aggressionen. Beschimpfungen, Drohungen und körperliche Übergriffe gehören für Einsatzkräfte zum Berufsrisiko. Neue Zahlen aus Niederösterreich zeigen nun eine besorgniserregende Entwicklung.

Die Zahl der registrierten Fälle von Widerstand gegen die Staatsgewalt ist innerhalb von fünf Jahren von 230 auf 346 gestiegen. Das entspricht einem Anstieg von rund 50 Prozent.

"Heute" auf Google als bevorzugte Quelle festlegen

Polizeisprecher sieht deutlich mehr Aggression

"Die Aggressivität gegenüber Einsatzkräften hat sich schon massiv erhöht", erklärt Niederösterreichs Polizeisprecher Johann Baumschlager im Gespräch mit dem "Kurier".

Die Statistik zeigt allerdings ein differenziertes Bild. Während Fälle von aggressivem Verhalten gegenüber Sicherheitsbeamten seit 2020 laut Polizei auf einem ähnlichen Niveau geblieben sind, nahm die Zahl der Delikte wegen Widerstands gegen die Staatsgewalt deutlich zu.

2020 wurden in Niederösterreich 230 entsprechende Fälle registriert, 2025 waren es bereits 346.

Von Widerstand gegen die Staatsgewalt spricht man etwa dann, wenn jemand mit Gewalt oder gefährlicher Drohung versucht, eine Amtshandlung zu verhindern. Dazu zählen beispielsweise Schläge gegen Polizeibeamte, gewaltsames Losreißen oder entsprechende Drohungen.

19-jährige Sanitäterin schildert Vorfall

Wie schwierig solche Situationen auch rechtlich zu beurteilen sein können, zeigt ein Fall am Landesgericht St. Pölten. Eine 19-jährige Mitarbeiterin des Roten Kreuzes schilderte dort einen Vorfall vom 27. August 2026 in einem Sozialheim im Bezirk Tulln.

Die junge Frau war gemeinsam mit Kollegen dabei, einen erkrankten Menschen auf einer Vakuummatratze abzutransportieren. Dabei soll sie ein Bewohner von hinten am Nacken gepackt und zugedrückt haben. "Hände weg, habe ich sofort geschrien", berichtete die Sanitäterin vor Gericht.

Erst später habe sie starke Schmerzen bemerkt und den Vorfall angezeigt. Im Verfahren verlangte sie 650 Euro Schmerzensgeld.

Richter spricht Angeklagten frei

Der beschuldigte Mann bestritt jedoch, die junge Frau angegriffen zu haben. Er erklärte, er habe sie lediglich festgehalten, um zu verhindern, dass sie bei der Rettungsaktion die Stiegen hinunterfällt. Der Richter folgte dieser Darstellung und sprach den Angeklagten frei. Die 19-Jährige erhielt damit auch das geforderte Schmerzensgeld nicht zugesprochen.

Der Fall darf deshalb nicht als nachgewiesener Angriff gewertet werden. Er verdeutlicht aber, wie unterschiedlich Beteiligte eine körperliche Berührung während eines Einsatzes wahrnehmen können.

Kaum Zahlen zu Übergriffen auf Sanitäter

Neben der Polizei sind auch Rettung und Feuerwehr immer wieder mit aggressivem Verhalten konfrontiert. Seit 2023 erfasst die Polizei entsprechende Anzeigen gegenüber Beschäftigten im Gesundheits-, Feuerwehr- und Rettungswesen gesondert. Im Jahr 2025 wurden in Niederösterreich fünf Fälle registriert.

Ob solche Vorfälle tatsächlich häufiger werden, lässt sich daraus allerdings nicht ableiten. Dafür fehlen längerfristige Vergleichszahlen. Das Rote Kreuz berichtet von gelegentlichen verbalen Grenzüberschreitungen durch Patienten. Körperliche Angriffe seien dagegen äußerst selten und würden angezeigt.

Eine umfassende Statistik über Beschimpfungen und Handgreiflichkeiten führt die Organisation nicht. Auch bei der Feuerwehr fehlen entsprechende Aufzeichnungen.

Feuerwehrmann wurde attackiert

Dass Einsätze dennoch gefährlich eskalieren können, zeigte ein weiterer Fall aus Niederösterreich. Im Jänner 2026 wurde ein 57-jähriger Mann zu einer teilbedingten Freiheitsstrafe von 16 Monaten verurteilt. Er hatte einen Brand gelegt und anschließend einen Feuerwehrmann attackiert.

Solche Vorfälle zeigen, dass Einsatzkräfte nicht nur mit den unmittelbaren Gefahren eines Brandes oder eines medizinischen Notfalls rechnen müssen.

Alkohol und Drogen als mögliche Ursachen

Warum Menschen gegenüber Einsatzkräften aggressiv werden, lässt sich laut Polizei nicht mit einer einzigen Ursache erklären. "Wir geben viel dem Alkohol und dem Suchtgift die Schuld", sagt Baumschlager.

Auch bei Jugendlichen beobachtet der Polizeisprecher zunehmend aggressives Verhalten. Wie viele Beschimpfungen, Bedrohungen oder Übergriffe tatsächlich stattfinden, bleibt jedoch unklar. Nicht jeder Vorfall wird angezeigt und damit in der Statistik erfasst.

red, 29.10.2026, 09:42