Es sind keine 48 Stunden vergangen, seit Trevor Noah die Grammys moderiert hat. Eine der größten Bühnen der Welt, Millionenpublikum, ein paar Spitzen gegen Donald Trump. Das Ergebnis hätte er sich so wohl nicht erwartet. Prompt kassierte Kritik aus dessen Lager und sogar von Trump selbst. Mit einem Mal sprach die ganze Welt über ihn.
Popkultur trifft Politik, Humor trifft Macht. Noah kennt dieses Spannungsfeld. Er bewegt sich darin seit Jahren mit beeindruckender Leichtigkeit.
Und dann, nur zwei Tage später, sitzt er mir gegenüber. Ruhig. Gelassen. Und spricht nicht über Politik, nicht über Empörung, nicht über Schlagzeilen. Sondern über Pokémon. Über Pikachu. Über Bisasam. Über Enton.
Vielleicht ist genau das der Kontrast, der dieses Gespräch so besonders macht. Während draußen die Welt laut ist, polarisiert und ständig nach klaren Fronten sucht, spricht Trevor Noah über eine Welt, die bewusst anders funktioniert. "Pokémon ist eine schöne Allegorie für das Leben", sagt er. Eine Welt, die ein gutes Gefühl versprüht. Eine, in der Entwicklung nicht laut sein muss, um stark zu sein.
Wenn Noah über sein Lieblingspokémon Enton spricht – verwirrt, überfordert, manchmal völlig neben sich – klingt das fast wie eine Antwort auf den öffentlichen Druck, unter dem Menschen stehen, die ständig bewertet werden. "Manchmal hat man das Gefühl, im Kopf alle Fehler gleichzeitig zu machen", sagt er. Und doch: Gerade dann wird Enton plötzlich zum Helden. Es ist schwer, darin keinen Subtext zu hören.
Noah spricht auch darüber, dass es nicht den einen richtigen Weg gibt. Nicht das eine beste Pokémon. Manche brauchen länger, um sich zu entwickeln. Andere sind leise wie Mew und trotzdem die stärksten im Raum. Worte, die auffällig gut in eine Zeit passen, in der Lautstärke oft mit Bedeutung verwechselt wird. In der Social Media, Politik und Popkultur permanent nach klaren Gewinnern und Verlierern suchen.
Bei den Grammys war Trevor Noah der Mann auf der Bühne. Souverän, pointiert, politisch wach. Im Pokémon-Interview ist er der Junge mit dem Game Boy, der mit zwölf Jahren in der gelben Edition versunken ist und "Ash auf einer Reise durch eine völlig neue Welt" war. Zwei Seiten derselben Person. Zwei Welten, die sich nicht widersprechen, sondern ergänzen.
Vielleicht erklärt das auch, warum Pokémon heute größer ist denn je. "Pokémons oberste Priorität ist es, Menschen miteinander zu verbinden", sagt Noah. Nicht gegeneinander auszuspielen. Sondern zusammenzubringen. Tauschen, kämpfen, lachen, fremde Menschen treffen. Dann erinnert er sich an einen Moment: Er erzählt von Pokémon Go und einem Relaxo, das mitten in der Nacht im Central Park aufgetaucht ist. Hunderte Menschen rannten los: "Plötzlich ruft jemand: 'Trevor Noah? Omg, wir müssen zusammen das Relaxo fangen!'" Er lacht. "All die guten Dinge passieren, weil du neue Menschen triffst."
Nach den Grammys hätte Trevor Noah über alles sprechen können. Über Macht, Kritik, politische Grabenkämpfe. Stattdessen spricht er über Entwicklung, Geduld und darüber, dass man nicht laut sein muss, um Bedeutung zu haben.
Vielleicht ist Pokémon für ihn genau deshalb mehr als Nostalgie. Vielleicht ist es ein Gegenentwurf. Eine Erinnerung daran, dass Wachstum Zeit braucht. Und dass selbst ein verwirrtes Enton – wenn der Moment kommt – genau weiß, was zu tun ist.
Und während die Welt weiter diskutiert, tobt und urteilt, sitzt einer der größten Entertainer unserer Zeit da und sagt im Grunde nur eines: Finde deinen eigenen Weg. Der Rest entwickelt sich.