Was tun, wenn am Freitagnachmittag plötzlich ein Hautausschlag auftritt, die Arztpraxis aber bereits geschlossen hat? Viele Wiener landen dann in einer Spitalsambulanz. Ein neues Modell soll genau hier ansetzen: Bei der assistierten Telemedizin in Apotheken werden Patienten direkt in der Apotheke per Video mit einem Arzt verbunden.
Wien und Oberösterreich waren die beiden Pilot-Bundesländer. Von Februar bis Juni 2026 wurden insgesamt 481 Telekonsultationen in 15 öffentlichen Apotheken durchgeführt. Getestet wurde gezielt zu Randzeiten – freitags zwischen 14 und 18 Uhr sowie samstags von 8 bis 12 Uhr.
Die Bilanz fällt laut der von der Apothekerkammer präsentierten Studie deutlich aus: 96 Prozent der Teilnehmer waren mit der Videokonsultation zufrieden. In 94 Prozent der Fälle wurde ein Medikament per E-Rezept verordnet oder die bestehende Medikation angepasst. 89 Prozent der Fälle konnten direkt abgeschlossen werden.
Zehn Prozent erhielten die Empfehlung, anschließend einen Haus- oder Facharzt persönlich aufzusuchen. Weniger als ein Prozent wurde an eine Spitalsambulanz weiterverwiesen. Behandelt wurden unter anderem akute Atemwegsbeschwerden, Bindehautentzündungen, Migräne, Hautausschläge, Schmerzen, Erkältungen und Magen-Darm-Erkrankungen. Auch Weiterverordnungen sowie die Betreuung nach einer Entlassung aus dem Spital spielten eine Rolle.
Besonders interessant für Wien ist der mögliche Effekt auf die Ambulanzen. Fast jeder vierte Teilnehmer – 24 Prozent – gab an, ohne das Angebot jedenfalls eine Spitalsambulanz aufgesucht zu haben. Nach der telemedizinischen Beratung wurden tatsächlich nur 0,8 Prozent dorthin weiterverwiesen. Laut Studie entspricht das einem Rückgang von rund 97 Prozent.
Auch finanziell erhoffen sich die Initiatoren Vorteile. Ein Kontakt mit einer Spitalsambulanz kostet laut den vorgelegten Unterlagen österreichweit durchschnittlich 364 Euro. Eine telemedizinische Konsultation in der Apotheke sei – abhängig von der konkreten Ausgestaltung – um 20 bis 70 Euro günstiger als andere Anlaufstellen.
Für die Hietzinger Apothekerin Caroline Frauendorfer (Apotheke an der Wien) liegt gerade in Wien großes Potenzial in dem Modell. "Wenn am Freitagnachmittag ein akuter Hautausschlag auftritt, bedeutet das in der Großstadt oft stundenlanges Warten in einer überlasteten Spitalsambulanz. Mit der Telemedizin können wir das direkt in der Apotheke lösen."
Der entscheidende Vorteil sei das Zusammenspiel zwischen Arzt und Apotheker an einem Ort. Medizinische Fragen könnten sofort geklärt werden, während die notwendigen Medikamente anschließend direkt in der Apotheke erhältlich sind.
Hinter dem Pilotprojekt stehen die Österreichische Apothekerkammer gemeinsam mit UNIQA Health Services, Mavie Next und der Paracelsus Medizinischen Privatuniversität. Ziel ist es nun, die assistierte Telemedizin österreichweit in die Regelversorgung zu integrieren.
Ob und wann es tatsächlich dazu kommt, steht allerdings noch nicht fest. Apothekerkammer-Präsidentin Ulrike Mursch-Edlmayr fordert Politik und Sozialversicherung auf, das Angebot künftig flächendeckend zu ermöglichen. Für Wien könnte das vor allem eines bedeuten: Bei bestimmten akuten Beschwerden wäre künftig womöglich nicht mehr die Spitalsambulanz, sondern die Apotheke ums Eck die erste Anlaufstelle.