Industrie-Schock in NÖ! Nach der angekündigten Schließung des Nemak-Werks in Herzogenburg (Bezirk St. Pölten) stehen 330 Mitarbeiter vor einer ungewissen Zukunft. Betriebsrat und Geschäftsführung wollen aber nun einen Sozialplan ausarbeiten. Für viele kam die Entscheidung völlig überraschend.
Erst vor kurzer Zeit hatte der Autozulieferer den Standort übernommen, die Hoffnungen auf einen wirtschaftlichen Aufschwung haben sich damit zerschlagen. Sprechen will fast niemand – die Verunsicherung ist groß.
Zwei Mitarbeiter fanden dennoch im Gespräch mit dem "ORF NÖ" klare Worte. "Jetzt können wir nur mehr über Geld schauen, dass wir eine finanzielle Abgeltung für die Enttäuschung haben", sagte ein Betroffener. Sein Kollege meinte: "Für mich ist es sowieso gelaufen, ich habe genau noch eineinhalb Jahre, dann bin ich fertig. Aber meine Kollegen tun mir halt leid, die Haus bauen und Kinder haben."
Die Belegschaft wurde bei einer Mitarbeiterversammlung über das Aus informiert. Damit gerechnet habe niemand, heißt es aus dem Betriebsrat. "Für uns und für alle Kollegen war es eine Wahnsinnsnachricht, und wir müssen jetzt schauen, dass wir das Beste für jeden rausholen und einen ordentlichen Sozialplan verhandeln", erklärte Betriebsratschef Martin Bunzengruber gegenüber dem "ORF NÖ". Besonders ältere Mitarbeiter wolle man gemeinsam mit der Gewerkschaft unterstützen.
Seitens des Unternehmens zeigt man sich zu Gesprächen bereit. Geschäftsführer Thomas Menk betont jedoch, dass die Schließung unvermeidbar sei: "Am Ende ist es so, und das erleben wir in ganz Europa, dass die Automobilindustrie schwächelt, dass wir hier Standortnachteile haben und dass die Energie- und Personalkosten in den letzten Jahren gestiegen sind."
Auch wirtschaftlich sei der Standort nicht mehr tragfähig. Ein Fortbestand sei "nicht mehr zu gewährleisten", so Menk. Man wolle die Mitarbeiter aber "bestmöglich unterstützen". Besonders für Lehrlinge suche man bereits Lösungen – gemeinsam mit der Wirtschaftskammer sollen Betriebe gefunden werden, die ihre Ausbildung übernehmen.
Groß ist auch die Sorge in der Stadt. Bürgermeister Christoph Artner (SP) verweist auf die Folgen für die gesamte Region: "Im Februar haben wir noch eine Lehrlingsprämierung gehabt. Hier sind Familien über Generationen beschäftigt gewesen, das trifft uns enorm", sagte Bürgermeister Artner am Mittwoch zu "Heute". Am Standort in der Wiener Straße seien noch drei weitere Unternehmen aus der Metallindustrie angesiedelt: "Vielleicht können hier Mitarbeiter unterkommen."
Der angekündigte Verlust von rund 330 Arbeitsplätzen stelle für unsere Stadt in mehrfacher Hinsicht einen herben Schlag dar: "Hinter dieser Zahl stehen 330 individuelle Schicksale – 330 Menschen und Familien, die nun mit großer Unsicherheit konfrontiert sind, was ihre berufliche Zukunft betrifft, vielfach verbunden mit Existenzängsten." Um diese Mitarbeiter gehe es nun in erster Linie, ihnen müsse geholfen werden.
Für den Landtagsabgeordneten Rene Pfister steht fest: "Hier geht es um 330 Schicksale – um Familien, die jetzt vor einer völlig ungewissen Zukunft stehen." Pfister verweist auch auf die massiven Folgen für die Stadtgemeinde Herzogenburg: "Neben den Arbeitsplätzen verliert die Gemeinde erhebliche Einnahmen aus der Kommunalsteuer – und das in einer Zeit, in der viele Gemeinden ohnehin finanziell massiv unter Druck stehen. Das ist in Summe eine Katastrophe."
Scharfe Kritik übt Pfister an der schwarz-blauen Landeskoalition der Unwilligen: "Dass ein so großer Industriebetrieb zusperrt, kommt nicht aus heiterem Himmel. Die ÖVP-FPÖ-Koalition in Niederösterreich schaut zu, während Arbeitsplätze verloren gehen, anstatt den Wirtschaftsstandort aktiv zu stärken." Als Konsequenz fordert Pfister die Umsetzung eines niederösterreichischen Industriefonds: "Wir brauchen endlich eine aktive Industriepolitik. Der Industriefonds aus dem NÖ-Plan der SPÖ Niederösterreich soll Unternehmen beim Umstieg auf zukunftsfähige, klimafreundliche Produktionsweisen unterstützen und gezielt Investitionen in Zukunftsbranchen ermöglichen. Gleichzeitig müssen Beschäftigte durch Umschulungen und Weiterbildungen abgesichert werden – mit einem klaren Anspruch auf Qualifizierung für neue Jobs."
Deutliche Worte findet Pfister auch zu den Aussagen von LH-Stellvertreter Udo Landbauer: "Es ist völlig fehl am Platz, eine solche Tragödie für politisches Kleingeld zu missbrauchen und reflexartig den Umweltschutz verantwortlich zu machen. Wer so agiert, wird der Situation der betroffenen Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer in keiner Weise gerecht. Die Menschen in Herzogenburg verdienen in dieser Situation Respekt, Sicherheit und echte Perspektiven – keine Ablenkungsmanöver."