Europa betoniert sich selbst zu: Jedes Jahr verschwinden 1.500 Quadratkilometer wertvolle Natur- und Agrarflächen unter Asphalt und Beton - fast das Vierfache der Fläche Wiens. Das geht aus einer aktuellen, internationalen Recherche hervor.
Allein zwischen 2018 und 2023 wurden demnach rund 9.000 Quadratkilometer versiegelt - eine Fläche so groß wie Zypern. Pro Woche sind das 30 Quadratkilometer, täglich (umgerechnet) 600 Fußballfelder.
Die schockierende Recherche basiert auf Satellitenbildern. Ein Team aus 41 Journalisten und Experten aus elf Ländern kommt zum Schluss: Die offiziellen Zahlen der Europäischen Umweltagentur (EEA) unterschätzen das Problem deutlich - das tatsächliche Ausmaß sei mindestens eineinhalbmal so hoch.
Besonders betroffen sind laut der Studie Wälder, Wiesen, Feuchtgebiete und Agrarflächen. Das habe gravierende Folgen für Biodiversität, Ernährungssicherheit und Gesundheit, heißt es weiter.
"Jahrelang hat die EU versprochen, beim Klima- und Naturschutz führend zu sein, doch diese Entwicklung zeigt, dass wir buchstäblich am Ast sägen, auf dem wir sitzen. Jeder Wald, jedes fruchtbare Feld und jedes Stück Natur, das kurzfristigem Profit geopfert wird, ist ein Verrat an den Versprechen gegenüber jungen Menschen", kritisiert die österreichische EU-Abgeordnete Lena Schilling (Grüne) auf "Heute"-Anfrage.
"In Österreich wird beim Klimaschutz der Sparstift angesetzt, während gleichzeitig Milliarden für eine Autobahn durch ein Naturschutzgebiet ausgegeben werden soll. Wenn wir die Natur weiterhin als verzichtbar behandeln, gefährden wir unsere Ernährungssicherheit, unsere Gesundheit und die Lebensräume", so Schilling.
"Österreich leidet an einem Zuviel an Beton und Asphalt - werden doch täglich zehn Hektar in Österreich neu verbaut", sagt Franz Essl vom Institut für Botanik und Biodiversitätsforschung der Universität Wien.
Die "autozentrierte Stadt- und Raumplanung des 20. Jahrhunderts kostet uns wertvollen Boden", so Angelika Psenner von der TU Wien. Ziviltechniker-Kammerpräsident Daniel Fügenschuh: "Der grassierende Bodenverbrauch gefährdet unsere Lebensmittelversorgung, verschärft Hitzeinseln und Hochwasserrisiken".
Die EU hatte bereits 2011 ein Limit von 800 Quadratkilometern pro Jahr gesetzt und für 2050 das Ziel "Netto null" beschlossen. Doch politische Spannungen und Wirtschaftsgesetze, wie zuletzt in Frankreich, haben diese Pläne ausgehöhlt.
Fakt ist: Während Europa sich ehrgeizige Klima-Ziele setzt, schrumpft der Boden unter den Füßen - im wahrsten Sinn des Wortes.