Der Bitcoin-Kurs hat in den vergangenen Monaten deutlich nachgegeben. Rund 60.000 US-Dollar stehen aktuell zu Buche. Das sind etwa 52 Prozent weniger als das Rekordhoch von rund 126.000 US-Dollar, das im Oktober 2025 erreicht wurde. Besonders der Juni 2026 fiel auf: Mit einem Minus von rund 20 Prozent war es der schwächste Bitcoin-Monat seit Juni 2022. Damit stellt sich erneut eine Frage, die Anleger seit Jahren beschäftigt: Gilt der bekannte Vierjahreszyklus noch oder hat sich der Markt inzwischen grundlegend verändert? Dirk Heß, Geschäftsführer von nxtAssets, geht dieser Frage in einer aktuellen Einschätzung nach.
Seine Antwort fällt differenziert aus. Der bekannte Rhythmus sei seiner Ansicht nach noch immer erkennbar, allerdings habe sich der Markt in den vergangenen Jahren stark verändert. Institutionelle Investoren, große Kapitalströme und das allgemeine Zinsumfeld würden heute deutlich stärker auf den Kurs einwirken als noch vor einigen Jahren. "Der aktuelle Kursrückgang stellt die alte Bitcoin-Frage neu: Ist der Vierjahreszyklus noch intakt – oder haben institutionelle Marktteilnehmer Bitcoin aus diesem Muster gelöst?", sagt Heß. Im Mittelpunkt des Vierjahreszyklus steht das sogenannte Halving.
Dabei wird die Belohnung für das Erzeugen neuer Bitcoin ungefähr alle vier Jahre halbiert. Dadurch gelangen weniger neue Coins auf den Markt. Dieses Prinzip ist fest im Bitcoin-Protokoll verankert und soll langfristig für Knappheit sorgen. Ein Blick auf die vergangenen Jahre zeigt laut Heß ein wiederkehrendes Muster. Nach einem Halving folgte zunächst eine starke Aufwärtsbewegung. Anschließend kam es zu einer deutlichen Korrektur. Danach schloss sich meist eine längere Übergangsphase an, bevor mit dem nächsten Halving ein neuer Zyklus begann.
Während der erste Zyklus nach dem Halving im Jahr 2012 noch deutlich kürzer verlief, hätten sich ab 2016 klare zeitliche Gemeinsamkeiten entwickelt. Sowohl der Zyklus nach dem Halving 2016 als auch jener nach dem Halving 2020 verliefen laut der Analyse nahezu gleich. Jeweils rund 17 Monate dauerte die Aufwärtsphase bis zum Höchststand, danach folgten rund 13 Monate Korrektur und anschließend weitere 16 bis 17 Monate Übergangsphase. Nach Einschätzung von Heß reiht sich auch der derzeitige Zyklus erstaunlich genau in dieses Zeitmuster ein.
Nach dem Halving im April 2024 dauerte die Aufwärtsbewegung ebenfalls 17 Monate beziehungsweise exakt 518 Tage. Ihren bisherigen Höhepunkt erreichte sie am 6. Oktober 2025. Aus diesem historischen Vergleich lasse sich zwar kein konkretes Kursziel ableiten. Dennoch könne der zeitliche Verlauf Hinweise geben. Sollte sich das bisherige Muster erneut wiederholen, könnte der Übergang aus der aktuellen Korrektur in eine ruhigere Marktphase im Oktober oder November 2026 liegen. "Der aktuelle Halving-Zyklus läuft bislang erstaunlich nah am Muster der Zyklen 2016 und 2020", so Heß.
"Wenn diese Taktung hält, rückt Oktober oder November 2026 als historisches Fenster für den Übergang aus der Korrektur in die nächste Marktphase in den Blick – ohne daraus ein Kursziel oder eine Bodenprognose abzuleiten." Heß betont ausdrücklich, dass daraus keine Vorhersage für einen Tiefpunkt oder eine bestimmte Kursentwicklung abgeleitet werden könne. Es handle sich lediglich um einen Vergleich mit früheren Zeitabläufen.
Auffällig sei außerdem, dass die starken Rückgänge von Zyklus zu Zyklus geringer ausfallen. Während Bitcoin im Bärenmarkt 2017 beziehungsweise 2018 rund 84 Prozent seines Wertes verlor, betrug der Rückgang in den Jahren 2021 und 2022 noch rund 78 Prozent. Im laufenden Zyklus liegt das Minus bisher bei rund 52 Prozent gegenüber dem Höchststand vom Oktober 2025. Das bedeute allerdings nicht automatisch Entwarnung. Vielmehr spreche dieser Verlauf dafür, dass Bitcoin inzwischen ein reiferer Markt geworden sei. Größere Liquidität und die Beteiligung institutioneller Investoren könnten extreme Kursschwankungen abschwächen.
Gleichzeitig werde der Markt dadurch stärker von Faktoren beeinflusst, die früher eine deutlich geringere Rolle spielten. Als Beispiel nennt Heß die Entwicklung der US-Spot-Bitcoin-ETFs. Im Juni 2026 verzeichneten diese Produkte laut Marktkommentar Netto-Abflüsse von rund 4,5 Milliarden US-Dollar. Das sei der höchste Mittelabfluss seit ihrer Einführung gewesen. Nach Einschätzung des Experten erklären diese Verkäufe den Kursrückgang zwar nicht allein. Sie zeigten aber, welchen Einfluss große Kapitalbewegungen inzwischen auf Stimmung, Liquidität und kurzfristige Kursentwicklungen hätten.
Hinzu komme der Wettbewerb mit anderen Anlageklassen. Wenn Anleger verstärkt Geld in Technologieunternehmen oder in den Bereich Künstliche Intelligenz investieren, fließe entsprechend weniger Kapital in Kryptowährungen. Für Heß ist deshalb klar, dass der bekannte Vierjahreszyklus nicht verschwunden ist. Seine Bedeutung habe sich jedoch verändert. Das Halving bleibe weiterhin der zeitliche Taktgeber. Über die Stärke der Kursbewegungen entschieden heute jedoch zunehmend institutionelle Kapitalflüsse, das allgemeine Zinsniveau, die Liquidität an den Finanzmärkten und die Positionierung großer Investoren.
"Bitcoin folgt noch seinem alten Rhythmus, musikalisch ausgedrückt zunehmend im Decrescendo. Im Markt geben verstärkt institutionelle Kapitalflüsse, Liquidität und Zinsen die Richtung vor", so Heß. Ob die Korrektur tatsächlich noch bis in den Herbst 2026 andauert und dann in eine neue Übergangsphase übergeht, lasse sich derzeit nicht mit Sicherheit sagen. Auch Heß weist darauf hin, dass historische Muster jederzeit durchbrochen werden können. Der Blick auf frühere Zyklen könne zwar helfen, Entwicklungen besser einzuordnen, eine verlässliche Prognose für den weiteren Kursverlauf lasse sich daraus jedoch nicht ableiten.