Bodenversiegelung – Täglich acht Fußballfelder

Österreich hat das dichteste und längste Straßennetz in Europa – pro Kopf verfügen wir über 15 Meter lange Straßen. Umweltschützer fordern einen Stopp von großen unökologischen Bauprojekten. Im Bild: Bauarbeiten zur Stadtstraße in Wien, Hausfeld.
Österreich hat das dichteste und längste Straßennetz in Europa – pro Kopf verfügen wir über 15 Meter lange Straßen. Umweltschützer fordern einen Stopp von großen unökologischen Bauprojekten. Im Bild: Bauarbeiten zur Stadtstraße in Wien, Hausfeld.Karl Schöndorfer / picturedesk.com
Eigentlich hat sich die Bundesregierung dazu verpflichtet, den Bodenverbrauch zu senken. Tatsächlich ist die Bodenversiegelung so hoch wie nie.

Im Jahr 2021 sind im Schnitt in Österreich jeden Tag zehn Hektar an Fläche verbraucht worden. Davon gingen 5,8 Hektar durch Versiegelung dauerhaft verloren, berichtete das Umweltbundesamt am Freitag – umgerechnet rund acht Fußballfelder pro Tag. Der Versiegelungsgrad, also der Bodenanteil, der endgültig mit Asphalt oder Beton überzogen wurde, war 2021 mit 58 Prozent ungewöhnlich hoch. In den Vorjahren lag er knapp über 40 Prozent.

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Die Bundesregierung hat sich im Regierungsprogramm verpflichtet, den Bodenverbrauch bis 2030 auf maximal 2,5 Hektar pro Tag zu senken. Das ist ein Bruchteil des derzeitigen Bodenverbrauchs. Das Umweltbundesamt konstatierte, dass es zu "keiner substanziellen Verringerung des Bodenverbrauchs gekommen ist und weitere Anstrengungen notwendig sind". Im Durchschnitt der vergangenen drei Jahre waren es 11,3 Hektar täglich, die vor allem für Bautätigkeiten, Verkehr und Betriebsflächen benötigt wurden.

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Um das Ziel der 2,5 Hektar pro Tag in acht Jahren zu erreichen, "wird derzeit in einem umfangreichen Prozess zwischen Bund, Ländern und Gemeinden intensiv an der Fertigstellung der Bodenstrategie gearbeitet. Raumordnung ist grundsätzlich in Länderkompetenz. Bei der Erstellung einer Bodenstrategie müssen also die unterschiedlichen Rahmenbedingungen in den Regionen berücksichtigt werden. Qualität vor Tempo ist hier die Devise", meinte der zuständige Landwirtschaftsminister Norbert Totschnig (ÖVP) im Vorfeld des "Tag des Bodens" am 5. Dezember.

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Jährlich die Fläche von Eisenstadt beansprucht

5.800 Quadratkilometer an Boden wurden bis zum Jahr 2021 insgesamt in Österreich beansprucht, rund sieben Prozent der Landesfläche und 18 Prozent des Dauersiedlungsraumes. 36 Quadratkilometer wurden im vergangenen Jahr neu beansprucht (39 Quadratkilometer im Jahr 2020). Im Schnitt der vergangenen drei Jahre lag der Wert bei 41 Quadratkilometer, einer Fläche in etwa der Größe von Eisenstadt, informierte das Umweltbundesamt.

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Bau- und Betriebsflächen beanspruchen mit Abstand die meiste Fläche auch im Jahr 2021. Während der Bedarf für Bauflächen auf 21 Quadratkilometer gegenüber dem Vorjahr (23 Quadratkilometer) zurückgegangen ist, liegt er dennoch über dem langjährigen Schnitt. Betriebsflächen beanspruchten elf Quadratkilometer an Boden, ähnlich wie im Jahr 2020. Verringert hat sich die Nutzung von Flächen für Erholung und Rohstoff-Abbau sowie für Straßen und Bahn, so das Umweltbundesamt.

Österreich im Bodenverbrauch trauriger Spitzenreiter

"Der überbordende Flächenfraß ist einer der größten Treiber der Biodiversitäts- und Klimakrise. Er verstärkt Naturkatastrophen, gefährdet die Gesundheit der Menschen und führt nicht zuletzt zu einem enormen Energieverbrauch", warnte der Bodenschutzsprecher beim WWF Österreich, Simon Pories.

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Der WWF fordert daher eine verbindliche Obergrenze von maximal einem Hektar pro Tag für den Flächenfraß. Greenpeace will, dass der Bodenverbrauch bereits 2025 auf 2,5 und bis 2030 auf maximal einen Hektar pro Tag gesenkt wird. "Österreichs Natur- und Lebensraum schrumpft jeden Tag durch Verbauung. Täglich verlieren wir ein Stück Identität und werden ärmer", kritisierte der Vorstandsvorsitzende der Österreichischen Hagelversicherung, Kurt Weinberger, in einer Aussendung.

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"Alleine in den vergangenen 25 Jahren wurden 150.000 Hektar Äcker und Wiesen durch Verbauung aus der landwirtschaftlichen Produktion genommen. Das entspricht der Agrarfläche des Bundeslandes Burgenland", rechnete Hagelversicherung-Vorstandsvorsitzender Weinberger vor.

Greenpeace konstatierte, dass die Regierung "ihr selbst gestecktes Ziel bis jetzt meilenweit" verfehlt. "Mit dem derzeitigen Verbrauch spielen wir auf Risiko: Damit setzen wir die heimische Artenvielfalt, unsere Ernährungssicherheit und unsere Lebensqualität aufs Spiel", sagte Ursula Bittner, Artenschutzexpertin bei Greenpeace.

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"Mit unserem Bodenverbrauch sind wir Europas trauriger Spitzenreiter. Kein anderes europäisches Land verliert täglich solch eine Masse an wertvollem Boden. Das sollte uns zu denken geben", meinte Bittner. "Österreich hat das dichteste und längste Straßennetz in Europa – pro Kopf verfügen wir über 15 Meter lange Straßen. Was es braucht, ist ein sofortiger Stopp von großen unökologischen Bauprojekten."

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